ewig leben lieber nicht

17. März 2011

Mir Träumen erlauben und sie erfüllen. Wer weiß schon, wie lange ich noch lebe, dachte ich als ich vor zwei Stunden über den Friedhof spazierte. Seit siebeneinhalb Jahren gehe ich hier regelmäßig vorbei. Früher häufiger. Das Grab meines Sohnes – in mitten all der anderen Kindergräber – ist mir ein tröstlicher Ort der Ruhe. Nach einem sehr arbeitsreichen, sehr anstrengenden und auch irgendwie sehr befriedigenden Arbeitstag – der am Nachmittag eine Sitzung mit einer junger Flüchtlingsfrau beinhaltete, die im hintersten Dorf inmitten der sanfthügeligen Landschaft des tiefsten Emmentals wohnt –, gönnte ich mir eine kleine friedhöfliche Auszeit. Morgen bin ich krankgeschrieben. Mein Kreislauf rotiert und kommt kaum mehr zur Ruhe. Wenn ich jetzt nicht die Bremse ziehe, weiß ich auch nicht, wie ich die nächste Woche überleben soll. Das große Event, auf das hin wir seit Monaten arbeiten, wird endlich – am Mittwoch – Wirklichkeit. Und am Tag danach feiere ich meinen Büroabschied. Zwei Tage später laden wir den Umzugswagen. Vier Tage später ist Bern Vergangenheit. Wirklichkeit dies alles? Oder nur ein paar Ideen im Kopf? Wer weiß schon, was morgen ist?

Sich Träume erlauben. Ihre Erfüllung zulassen. Angesichts des Super-GAU in Japan vielleicht die einzige Alternative zu leben, sagte Irgendlink sinngemäß. Gegenwart ist die einzige Wirklichkeit.

Auf dem Friedhof ist ein weiteres Feld erneuert worden. Wie viele Grabkreuze habe ich in den letzten siebeneinhalb Jahren verschwinden sehen? Und wieder sind viele alte Kreuze und Grabsteine entfernt und viele über zwanzig Jahre alte Gräber ausgehoben worden. Nun ist von den Menschen, die einst unter Tränen dort begraben worden sind, nichts mehr da. Selbst die Knochen wurden, gemeinsam mit vielen anderen Knochen, dem endgültigen Zerfall überlassen und werden wieder zu Erde. Nichts ist mehr da. Oder endlich alles. In homöopathischen Dosen. Im Wasser, in der Erde, wie gesagt, und in der Luft. Und in hundert Jahren sind auch meine Knochen Erde, habe auch ich mich aufgelöst. Ganz ohne SuperGAU. Nein, das meine ich nicht zynisch. Ein Fakt. Ein Trost sogar. Irgendwie. Und eine befreiende Erkenntnis

Mit ihr ging es sich auf einmal ganz locker durch die Gräberreihen. Was rackere ich mich auch ab? Eines Tages ist ja eh nichts mehr da. Von mir nicht und von niemandem mehr. Kein Stress mehr und keine Sorgen. Kein Leid und kein Schmerz. Und auch kein Lachen mehr. Kein Garnix. Wozu also sich sorgen?

Da war doch dieser Tage jenes Gespräch über ein möglichst langes Leben?
Nein, ich will nicht möglichst lange leben, aber glücklich!, hatte ich gesagt. Genau. Alle meine Lebensträume drehen sich um ein glückliches und sorgloses Sein. Zufriedenheit. Nicht in Saus und Braus muss ich leben, sondern im Frieden mit mir selbst. Dazu umgeben von Menschen, die ich mag und wo Liebe, Freundschaft und Respekt im Zentrum stehen. Außerdem jederzeit bereit zu gehen. Mir meiner Vergänglichkeit bewusst.

Ein schöner Traum. Idealistin, die ich bin, ewige.

(verfasst am 16.3., abends)

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heute auch

9. März 2011

… oder mein Nachwort zum Frauentag

Auch heute ist Frauentag – nicht international, doch ganz persönlich.

Ich bin auch heute ganz Frau. Frauentag ist überall. Und ich bin all den Frauen, die vor mir gekämpft und sich für ihre Anliegen sogar lächerlich gemacht haben, von Herzen dankbar.

Lächerlich? Sind es nicht gerade auch andere Frauen, die beim Kampf um gleiche Rechte – im Alltag, in der Sprache – peinlich weggucken und betonen, sie seien im Fall sicher keine Emanzen?
Es gibt noch viel zu tun, sagt Frau Luise F. Pusch im Migros-Magazin 10 vom 7. März 2011.

(Quelle: http://migrosmagazin.ch/index.cfm?id=43265)


Spiegelimspiegelimspiegel

17. Februar 2011

Du meinst also, du weißt, wie ich ticke. Schließlich bist du Stammleserin, Stammleser. Stimmt’s?
Du kennst mich
a.) sogar persönlich
c.) zwar nicht direkt persönlich, aber dafür meine Schreibe.
Jedenfalls glaubst du zu wissen, wer ich bin. Dein Bild ist gemacht. Du denkst: Sofasophia ist so, denkt so, macht so … möglicherweise liegst du mit der einen oder anderen Annahme sogar goldrichtig.
Aber …

Und ich? Ich meine, zu wissen, wie du tickst. Ich kenne schließlich dein Blog/deine Mails/dich schon lange. Ich habe dich
a.) zwar noch nicht
b.) sogar schon einmal
c.) schon oft persönlich getroffen.
Jedenfalls glaube ich zu wissen, wer du bist. Mein Bild von dir ist gemacht. Ich denke, XY ist so, denkt so, macht so und möglicherweise liege ich mit dem einen oder anderen Gedanken sogar goldrichtig.
Aber …

… was wir voneinander sehen, sind Ausschnittchen. Selbstdarstellung kleiner Ausschnitte meiner Welt, deiner Welt. Von dir ausgewählt, von mir rausgepickt. Rosinen. Misthaufen. Zurecht geschönt, zurecht geschlimmt. Zoom. Das Spiegelbild im Spiegelbild im Spiegelbild. Immer kleiner und kleiner wird es, je genauer wir hinschauen. Immer unklarer, unschärfer.

Selbst wenn ich alle deine Blogtexte, alle deine Bilder, alle deine Mails oder alle unsere Gespräche verinnerlicht hätte, sie immer und immer wieder gelesen und betrachtet und erforscht hätte, oder du meine Schreibe, meine Bilder oder meine Aussagen bis ins Detail studiert hättest – wer ich bin, kannst du nur ahnen, wer du bist, kann ich nur ahnen. Eine Illusion, jemanden wirklich verstehen zu wollen, ganz verstehen zu können.

Ich will dich immer wieder überraschen. Und
ich will mich von dir immer wieder überraschen lassen.
Ich will dir und mir Raum geben für Veränderungen.
Ich will querdenken und rückwärtstaumeln dürfen, aber
ich will mir auch erlauben, für einmal ohne Umwege von A nach B zu gehen und Ziele erreichen zu können.
Ich will mir erlauben, es mir grundlos gut gehen zu lassen.
Ich will meine Prinzipien, falls ich denn welche habe, immer mal wieder fallen lassen und ihnen untreu werden, wenn es der Sache dient, der Entwicklung meines Lebens.
Ich will mich immer wieder neu begreifen und vor allem
will ich mir immer in die Augen schauen können.


Das Haus im Haus und die Katze auf der Maus

12. Februar 2011

Rätsel über Rätsel …Warum die Mietz ausgerechnet jetzt, wo ich meinen alten Laptop, den Kollege D. neulich repariert hat und den ich nun mit Updates ab externer Festplatte füttere, warum also die Mietz ausgerechnet jetzt dicht neben mir auf dem großen Sofa sitzen will, ist mir wirklich ein Rätsel. Ich mutmaße, dass sie Elektrosmog mag. Irgendlink vermutet eher, dass sie mich mag. Auch möglich, gut und schön, doch meine Hand- sprich Mausfreiheit ist massiv eingeschränkt. Mehr als einmal versuche ich es mit netten Worten, mehr als einmal setze ich sie auf den Boden, am häufigsten jedoch schubse ich sie einfach ein bisschen weg. Nein, keine falschen Rückschlüsse bitte! Ich mag sie – ziemlich jedenfalls. Und alle Katzen und anderen Tiere dieser Welt ebenfalls. Aber wenn ich vor lauter Katze einen Maus-Arm (analog dem weltberühmten Tennis-Arm) bekomme, finde ich das weniger lustig. Lustiger ist es dafür, wenn mir – wie eben – die Maus vom Laptop herunterfällt, auf den ich sie aus Platzmangel gelegt habe, und die Katze vor Schreck für eine halbe Minute das Weite sucht.

Doch eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben.

Da stehe ich also heute Nachmittag in Irgendlinks Scheune, die in absehbarer Zeit eine glänzende Zukunft vor sich hat. Ich sehe es vor mir, irgendwann wird sie ein großer Galerieraum sein. Sie soll die Bilder und Kunststraßeninstallationen der von Irgendlink bereisten Länder sichtbar machen. Doch jetzt, heute, ist sie nichts anderes als der doppelte Boden, die zweite Ebene, der leere Raum unter dem Dach – einen Stock höher gelegen als die bereits aktive Galerie.

Latten, Dämmmaterial aus Glasfaser und Steinwolle, ein Arbeitstisch mit viel Werkzeug, Sägeböcke und ein alter Schrank stehen herum. Nichts überflüssiges mehr. Im letzten Herbst haben wir ausgemistet. Viel ist nicht geblieben. Baumaterial. Ich trage zwei weitere Rigips-Platten ins neue Haus gleich nebenan. Ins neue Haus im Haus, wie ich nenne, was hier wächst, denn von der Scheune aus, sieht das, was wir bauen, genauso aus . Unter dem zehn Meter hohen, unisolierten Dach hat J. neulich eine erste neue Wand gezogen um seinen Wohnraum zu erweitern. Wände und ein Dach, so wenig braucht es im Grunde, um ein neues Haus zu bauen. Bodenfläche mal vorausgesetzt. Vor zwei Wochen haben wir zusammen die Decke gedämmt die J. seither getäfert hat. Nun wollen wir jene Außenwand des neuen Hauses dämmen, die an die kalte Scheune grenzt.

Während der neue, unbeheizte Raum fünf Grad warm ist, hat die Scheune immer Außentemperatur, die Ritzen lassen jeden Windzug durch. In der Künstlerbude nebenan sind es mollige holzbeheizte zwanzig Grad. So wechseln wir bei der Arbeit ständig die Klimazonen. Mit schmalen Balken strukturieren wir die Wand in rigipsplatten-große Felder, um nach dem Anbringen des Dämmmaterials diese Dinger befestigen zu können. Schon bald wir es hier ein gemütliches Stilles Örtchen und eine neue Küche geben. Schritt für Schritt gehen wir diesem Ziel entgegen. Während ich die Balken ausmesse und mit der Stichsäge zusäge, wird mit wieder mal klar, dass es keinen anderen Weg gibt, als kleine Schritte zu tun, wenn ich vorankommen will. Abkürzungen gibt es keine. Gefahren viele und Geling-Garantien vergisst du eh am besten gleich. Hauptsache, du machst dich auf deinen Weg.


Häppchen nur

7. Februar 2011

Mit Stairway To Heaven im Ohr zur Post gefahren. Glücklich pfeifend das Postfach geleert. Im Büro relativ lustvoll das Lektorat eines Jahresberichtes angepackt und sonst ein paar nützliche Dinge erledigt. In der Mittagspause an den vom Liebsten gedeckten Tisch gelotst worden, der für eine Stunde mit mir extra seine heutige Strassen-von-Bern-Fotoarbeit unterbrochen hat. Danach die zweite Hälfte des Nachmittags frei gefeiert, denn Irgendlink und ich hatten uns in der Lorraine verabredet, um noch mehr Bilder zu sammeln.

Ach, könnte ich doch jedes Ding, das mir gefällt, einfach ablichten, seufze ich später auf dem Heimweg. Es ist blue hour und ich bin eigentlich ganz froh, dass das nicht geht. Diese ganz speziellen Schlagschatten eines Wegweiserkreuzes, von der Abendsonne an die Wand gemalt, auch J. hat sie gesehen. Andere laufen achtlos an ihnen vorbei, an diesen Alltagskunstwerken, die sich genau so wie jetzt und hier niemals mehr zeigen. Spinnerin ich, sehe überall Perlen, wohin ich auch blicke!

Wieso fotografiere ich?, frage ich vorhin, während wir beide an unseren Notebooks sitzen und die Bilder des Tages auf unsere Speichermedien laden.
Weil es dir Spaß macht,
sagt Irgendlink und klickt weiter, baut Panoramen und sortiert die Bilder des Tages.
Hm, ja, schon …, sage ich, aaaber … da ist mehr. Es ist wie mit dem Schreiben. Es ist dieser Wunsch, die große weite Welt ein klein bisschen besser zu verstehen, in dem ich sie fasse, s
ie zu zähmen versuche. Als großes Ganzes ist sie unerträglich. In kleinen Portionen wunderbar.

Hier ein paar Häppchen von gestern und heute … allesamt mit dem iPhone aufgenommen. Für die Sichtung der Nikon-Bilder ist der Feierabend zu kurz … 🙂

Bild oben: Gestern, bei der Großen Schanze …

Heute im Lorrainequartier …

Gleich um die Ecke vom Eisbärchen, auf der Eisenbahnüberführung …

Im Breitenrain, gegenüber der Johanneskirche …


heute

5. Februar 2011

Eigentlich, sagt meine Freundin C., eigentlich ist niemand wirklich frei. Niemand! Alle sind wir doch an unsere im Laufe des Lebens heruntergeladenen Programme gebunden. Sie diktieren unser Handeln. Wir alle sind eben irgendwo irgendwie aufgewachsen und alle sind wir irgendwo und irgendwie imprägniert mit christlichen, ethischen, sozialen, asozialen oder sonst wie scheinheiligen Verhaltensmustern, nach denen wir handeln oder ein Handeln verweigern. So ist niemand frei von irgendeiner Doktrin. Freie Meinungsbildung ist eine Illusion.

Ja, eigentlich wäre wirkliche Freiheit das totale Wegfallen jeglicher Prägungen, denke ich. Ob eine solche Freiheit erstrebenswert ist oder nicht, ist eine andere Frage. Wie frei wären wir wirklich ohne jegliches Grundgefühl für Werte?
Aufpassen, Sofasophia, nicht werten ist das Gebot des Zeitgeistes, nicht verurteilen! Was weißt du schon, wie andere ticken?

Urteilen oder gar verurteilen will ich nicht, nein, mich nicht und andere auch nicht, dennoch will ich meinen Werten, meiner Spur von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, weiterfolgen. Ob sie nun richtig oder falsch ist. Wer anders als ich, kann das für mich bewerten? Schon wieder Wertung? Nein, nicht aus Prinzip folge ich meiner Spur, das nicht, doch mit einer mir eigenen Konsequenz, die wohl zu meinem Überlebensstrategien-Repertoire gehört, handle ich, ruhe ich, lebe ich so gut ich kann. Auch auf die Gefahr hin, deshalb nicht wirklich, nicht ganz frei zu sein. Ja, mir selbst will ich gehorchen. Und gehören. Gleicher Wortstamm. Diese Unfreiheit gönne ich mir. So ähnlich debattiere ich in unserer Unfreiheitsdebatte mit C. und bestätige damit ihre These.

Und ich weiß auch, dass ich eben – wie sie sagte – nicht nur mein Lied, sondern auch jenes meiner Gesellschaft, jenes meines Umfeldes zwitschere. Habe ich denn eine Wahl? Und ist die Aussage, dass ich lebe, wie ich lebe, ist, weil ich so leben will, wirklich wahr oder ein fauler Kompromiss?

Früher haben solche Gedankenketten wahre Abgründe in mir aufgerissen und sind zu immer neue Aspekten herangewachsen, die mich von innen und von außen zugleich aufgefressen und sich gar angemessen haben, zu bahaupten, stärker zu sein als ich. Heute kann ich solcherlei denken ohne zu stolpern. Neu gewonnene Freiheit oder eher Resignation und Kompromissbereitschaft? Können wir wirklich kompromisslos leben?

Ist vielleicht wahre Freiheit der Verzicht darauf, jederzeit zu tun und zu lassen, was ich will, stattdessen das zu tun, was jetzt genau die Situation, die Umstände, das Leben um mich her und in mir drin verlangen? Freiheit sei der freie Wille, jederzeit auf das aktuelle Leben zu reagieren.

Vielleicht.


Ist Erfahrung alles?

3. Februar 2011

Erfahrung ist alles, sagst du?, sagte er und zuckte die Schultern. Abschätzig ein bisschen, ein bisschen arrogant auch und überheblich war sie, diese Geste. Erfahrung? Pah, Erfahrungen! Das ist es, was zählt. Weißt du, ich habe da so meine Erfahrungen. Ein zweideutiges Zwinkern, dann ein noch mehrdeutigeres Grinsen.

Erfahrung ist alles, hast du gesagt?, sagte sie. Ihre grauen Haare schimmerten im Winterlicht, das hinter ihr durchs Fenster drang und verliehen ihr eine Art Heiligenschein. Nicht unpassend, dachte Veronika.
Erfahrungen sammeln ist tatsächlich viel. Und wichtig.
Sie verlieh ihren Worten Nachdruck, in dem sie auf die Bilderahmen an der Wand deutete. Zeitungsartikel, die sie geschrieben hatte, hinter Glas. Damals. Früher, als sie noch Erfahrungen sammeln konnte. Als sie noch reisen konnte. Noch nicht auf dieses Zimmer hier reduziert war. Obwohl … sammelte sie denn heute keine Erfahrungen mehr? Ein kleines Lächeln nur. Zuerst zuckte es bloß in ihren Mundwinkeln. Dann zerfurchte es die Wangen und die Augenwinkel und erfüllte schließlich den ganzen Raum. Erfahrungen, ja, Erfahrungen sind viel wert. Gute. Schlechte. Die letzte wartet noch. Aber noch wichtiger ist, glaub mir, meine Liebe, noch wichtiger ist, was wir mit ihnen anfangen.