Trybguet

30. August 2010

für j. – zwar nicht vom letzten samstagabend, die aufnahme, aber so ähnlich hats getönt …
… und doch gaaanz anders, weil uns ja das symphonieorkester begleitet hat …

trybguet

die nacht überchunnt scho wieder
roseroti ränder
franset uus & fädlet die nächschti wuchen y
mir hei nid pennet, aber si wäg däm no lang
nid wach
& zyt geit tic-tac-tic-tac viel z schnäu
verby, we mir zäme si

i bi wie nes trybguet trybe, hals über chopf i
dr schtrömig
wyt äwäg vom ufer & vor auem wyt äwäg vo dir
ewigi ebbe & fluet,
im schturm isch
jede hafe guet

aber dyne isch dä, won i scho ha vermisst, won
no nüt vo dir ha gwüsst

du chasch cho & du chasch gah
du chasch aues vo mir ha
du chasch di uf mi verla
i bi immer für di da – ei tag länger
aus für immer
schryss mi über ds näscht ab
füehr mi hinger ds liecht
mir isch jedes mittu rächt
mach mi figefertig & sug mi uus
i leischte dir ke widerschtand
i la mir aus vo dir la gfaue
schteue nume ei bedingig im voruus
la dä mäntigmorge nid zu üs i ds huus!

du chasch cho & du chasch gah
du chasch aues vo mir ha
du chasch di uf mi verla
i bi immer für di da – ei tag länger
aus für immer

i liebe se meh aus mi – ei tag länger
aus für immer!


Schwimmend nach Hause

26. Oktober 2009

Solche Dienstgänge lob ich mir! In der Vormittagspause beschließen wir, unsere abwesende Arbeitskollegin und Vielleserin K., die nächste Woche Geburtstag hat, mit einem neuen Buch zu beschenken. Doch wer von uns liest das Geschenk aus? Die Wahl fällt auf mich, da ich eh noch zur Post muss.

Nach der Mittagspause stöbere ich also glücklich, zumal ich mir diese Freude letzten Donnerstag versagt habe, durch den großen Bücherladen beim Bahnhof. Völlig ausgehungert stehe ich vor den Auslagen. Habe in der letzten Zeit Bücherläden gemieden, weil die sowohl Zeit als auch Geld fressen. Außerdem liegen noch stapelweise ausgeliehene Bücher bei mir rum, die ich lesen darf und zurückgeben soll.

Schon bald habe ich mich für Rolf Lapperts Nach Hause schwimmen entschieden, eines meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres. Sowohl spannend wie auch philosophisch, tiefgängig, berührend ohne kitschig zu sein, menschlich, ironisch stellenweise. Lappert ist ein Buch gelungen, das – trotz des happigen Themas – alles andere als depressiv ist, literarisch wertvoll, herrlich, grotesk zuweilen, und voller Humor … Könnte K. gefallen, finde ich.

Dass ich für mich auch gleich zwei neue Bücher erstanden und für den baldigen Geburtstag einer anderen lieben Frau was gefunden habe, bleibt aber unter uns. Versprochen?!

Nun aber ab zum Postfach, schließlich bin ich auf Arbeit. Auf dem Fahrrad den Tramschienen ausweichend und gegen den Verkehr über den Bahnhofplatz zirkelnd, ziehe ich mit der linken Hand am Kopfhörerkabel, um mir die Kopfhörer aufzusetzen, um Musik zu hören. Ooops. Kein mp3-Player am anderen Ende des Kabels! Na sowas! Ein Blick zurück. Das schwarze Ding dahinten, mitten auf der Straße – immerhin noch knapp auf der Fahrradspur –, kommt mir irgendwie bekannt vor! Und das Plong von vorhin muss wohl dazu geführt haben, dass ich nun ein leeres Kabel in der Hand halte. Bremsen. Absteigen. Zurückrennen. Den Autos ausweichen. Den Schutzengel aller mp3-Player anflehen, dass fünf Sekunden lang kein Auto kommt. Das Teil am Boden packen. Dem erwähnten Schutzengel fürs Aufpassen danken. Vor mich hin grinsend zurück zum Fahrrad gehen und mir die Kopfhörer aufsetzen. Das alles geht blitzschnell. Keine drei Sekunden vermutlich. Als ich das Teil einschaltete, zeigte die Uhr, noch im Sommerzeit-Modus, 15:15. Sternschnuppenzeit!

Ei einzigi Sekunde, singt Kuno, als ich auf Play drücke. Kein Stück passt besser. Mein Shuffler weiß Bescheid. In einer einzigen Sekunde hätte ich beinahe meine geliebte Musik verloren. Hauchdünn die Grenze von hier nach da, singt der Züri West-Sänger. Wie schnell sich alles verändern kann. Hab ich mal wieder Glück gehabt!

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Ei einzigi Sekunde – Songtext

üsi Hüue isch papierdünn
mir exischtiere uf guet Glück
bi extrem schwache Quote
irgnd eine dräiht im Rote
u scho flügsch us em Renne
u liegsch dusse im Schotter
ei einzigi Sekunde
u aues isch vrbii

ei enizigi Sekunde
u du erwachsch im däm Zimmer
u aues hanget am ne Fade
u dr Zuefau schnippt mit em Finger
u dr Früehlig schteit vor dr Türe
im Schnee

Quelle: http://lyrics.wikia.com/Z%C3%BCri_West:Ei_Einzigi_Sekunde


Sternschnuppen

8. Oktober 2009

Um 2:22 auf die Uhr zu schauen bringt Glück. Ebenso um 13:13. Pech, wenn du um 8:88 schaust. Besser ist 22:22. Auch bei 23:23 kommt das Glück. Und erst recht dann, wenn du dabei zuschauen kannst, wie die Zahl wechselt. Warum sonst gucke ich manchmal eine Beinahe-Minute lang ohne zu Blinzeln auf das Display meines Handys oder auf die rechte Ecke meines PC-Bildschirms?

M. war – und hat mich – felsenfest von ihrer Glückstheorie überzeugt, damals, und wir sofasophieren noch heute hin und wieder über die Wahrheit dieser Zahlenzauberei. Dreizehn Jahre später. Von Zahlen verdeckte Sternschnuppen nenne ich dieses Phänomen, im richtigen Moment auf die Uhr zu schauen, diese eines lauen Herbstabends an einem Feuer im französischen Jura kreierte Weisheit. Die Wahrheit dabei ist: Glück kommt, wenn wir es locken. Na ja, eigentlich ist es ja die ganze Zeit schon da und mag unsere lockenden Spielereien. Es mag uns, wenn wir glücklich sind, da es sich in diesem Klima vermehrt. Glücksvirus.

Heute Morgen. Früh. Noch dunkel hinter den Läden. Ich fragte meinen Wecker per Tastendruck nach der Zeit. 05:55 bedeutete er mir. Und ich? Dachte an Kuno! Natürlich. Und an Charlotte. An Kunos Abgang um nullfüf-füfeföfzg. Nicht heute. Auch nicht gestern. Irgendwann. Und an den Kaffee, den er aufsetzt. An ein wehmütiges Lied auf einem genialem Silberling (http://www.zueriwest.ch/ > Disco > Haubi Songs > 1.Song). Drehte mich zur Seite und konnte doch nicht mehr einschlafen. Obwohl ich noch mehr als eine Stunde gedurft hätte. Dachte stattdessen an die aktuelle Häufung der Sternschnuppen in Zahlenform. Und daran, dass ich glücklich bin. Daran, dass Glück weder von Zahlen noch von Sternschnuppen abhängt, auch von Sternen nicht. Eigentlich. Und auch nicht von Umständen. Einzig von meiner Fähigkeit, es zu sehen, zu fühlen. Dennoch mag ich Sternschuppen und Schnapszahlen. Und Doppelzahlen natürlich auch. Zahlenspiele sowieso. Und das Leben. Und Wochenenden. Und Besuche von lieben Menschen.


getroffen

6. Oktober 2009

Es ist Herbst. Sie schießen wieder. Männer! Männer und Motoren! Männer, Motoren und Straßen. Kann das gut gehen?  … in solchen Klischees zu baden, meine ich natürlich … 😉

Nichts böses ahnend, radle ich meine Straße entlang. Richtung Büro. Der erste Schuss trifft mich am Unterschenkel. Gleich darauf einer am rechten Knie. Hey, Mann, pass doch auf!, sage ich. Hören tut er mich nicht. Er trägt Ohrenschützer und ist sich der Gefahr, in der seine Mitwelt schwebt, höchstens am Rand bewusst. Er fräst in Gedanken versunken weiter, ungeachtet der spitzen Steine, die er aufwirbelt. Die Motorsense, mit der er den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg bearbeitet, zwischen den Beinen. Potenz der etwas anderen Art. Eben so doof, diese Erfindung, wie der Laubbläser. Als ob es effizienter wäre, mit Luft Laub zu stapeln, als mit einem Laubrechen. Beppo, Momos Straßenkehrer, kommt mir in den Sinn. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Und auf einmal ist die ganze lange Straße gekehrt.

Geihts no?, frage ich. Nicht den mähenden Mann von der Straße, nein, doch die Männer, die in solchen Dingen das Sagen haben. Denn das müssen Männer sein. Geihts no? Da reden alle von Klimaerwärmung und C02-Senkung, doch unter dem Strich tun sie nicht. Tun wir nichts. Null Komma gar nichts, wie meine Arbeitskollegin M. bei jeder unpassenden Gelegenheit sagt. Dabei wäre es a.) gesünder, b.) klimaverträglicher, c.) ungefährlicher und d.) lärmfreier, wenn die Männer vom Straßendienst statt Motorsensen richtige Sensen gebrauchen würden. Und, wo wir dabei sind, auch gleich richtige Laubrechen statt den Bläsern. Und natürlich würden wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren!

Geihts no? – Auch so ein Ausdruck, der zum Grundwortschatz potentieller Bernheimsuchender gehört. Und auch ‚geihts no?‘ ist – wie äuä – multifunktionell. Siehe gestern. Es heißt sowohl ‚Spinnst du?‘ als auch ‚Danke! Was für eine schöne Überraschung! Damit hätte ich nicht gerechnet!‘ Die eigentliche Bedeutung lässt sich nur am Klang heraushören. Und am Glitzern der Augen.

Ja, ja, Bern und seine sprachliche Besonderheiten!

Ach, und übrigens … Hier gibt es ihn noch, den Majestatis Pluralis, den der Rest der Welt als ausgestorben betrachtet! Chöitr mr säge, wo‘s düregeiht zum Bahnhof?, fragt jemand einen ortskundigen Menschen, wenn er sich verirrt hat. Nicht ‚können Sie mir …?‘, sondern ‚könnt ihr mir …?‘. Niemand sagt hier Sie. Höfliche Anrede gleich Ihr.

Dennoch … ich mag natürlich auch viele andere Dialekte. Büündnerdütsch zum Beispiel. Oder wolliserdütsch, obwohl ich davon höchstens die Hälfte verstehe und bei ‚schi chuunt ai‘ an englisch denken muss, obwohl das bloß bedeutet, dass sie auch kommt. Lozärnerdütsch mag ich ebenfalls mit seinen rüdig-derben Ausdrücken.

Mit baaseldiitsch und den Ostschweizer Dialekten habe ich wenig am Hut, obwohl ich ganz liebe Freundinnen und Freunde, die so sprechen, habe.

Doch auch bayrisch gefällt mir, denn so spricht Luisa. Dann mag ich auch schwäbisch. Pfälzisch. Hamburgisch. Berlinerisch. Hach, diese Vielfalt! Gut hinhören, mit dem Herzen! … und auf einmal wird jede Sprache zur Offenbarung. Und zur Übung in Toleranz.

Na ja, Toleranz hin oder her: Wäre es denn nicht einfach schöner, die Berner Straßenkehrer hätten richtige Sensen und Laubrechen?

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EDIT: Eben als ich vorhin auf Veröffentlichen geklickt habe, ging draußen der Lärm los. Na? Was wohl? Das Gärtnerteam bläst Laub! *grmpf*


äuä eine Liebeserklärung

5. Oktober 2009

Als ich vor – huch! – einundzwanzig Jahren zum ersten Mal nach Bern zog, ahnte ich noch nicht, dass die Liebe zu dieser Stadt länger anhalten würde als meine damalige Liebesgeschichte, denn auch später bin ich immer wieder hier gelandet. Ich möchte mal einen Berner heiraten!, hatte ich als Teenie meiner damals besten Freundin anvertraut, mir gefällt dieser Dialekt so gut. Gesagt, getan. Wobei … K. hätte ich damals äuä auch genommen, wenn er Zürcher gewesen wäre. An der Trennung war denn auch nicht die Sprache schuld.

Ich gebe es trotzdem zu: Wie jemand spricht, spricht mich an. Oder eben nicht. Ähnlich wie Gerüche gehen auch Stimmen und Redewendungen in meinem Inneren ganz seltsame Wege. Sie berühren mich unvermittelt – oder eben nicht. Gerüche, Stimmen, Geräusche und Wörter verwandeln sich in meinem Inneren in Farben. Menschen speichere ich in mir als Farben ab – und als Geschmack auf der Zunge. Nix Esoterik, nein, ich sehe keine Auren! Ich ticke einfach so. Immer schon. Seit ich gelesen habe, dass dieses Phänomen einen wissenschaftlichen Namen hat, habe ich keine Hemmungen mehr, darüber zu reden (obwohl ich den Namen des Phänomens längst vergessen habe. Keine Beweise also!).

Sorry, ich schweife ab. Wollte doch über jenes Wort schreiben, das …

Nein. Halt. Vorgreifen will ich nicht. Mein Leben in Bern. Die erste Runde vor einundzwanzig Jahren. Buchhandlung S., wo ich damals meinen zweiten Beruf erlernt hatte. Meine Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen wurden nicht müde, mich meines Dialektes wegen zu necken. Nicht, dass der so besonders wäre. Eher das Gegenteil. Das Aargau ist sprachlich und geografisch einfach immer irgendwo dazwischen. Für Berner Ohren mag mein Dialekt sogar zürichdeutsch klingen, auch wenn ich das nicht verstehen kann. Und das war denn auch ihre Hauptneckerei. Denn zwischen Bern und Zürich liegen Welten, nicht bloss ein paar Kantone!

Längst habe ich meinen alten Mitbuchhändlern und -buchhändlerinnen ihre Foppereien verziehen. Später, als ich ein paar Jahre in Zürich gelebt hatte, wurde ich umgekehrt immer wieder gefragt, ob ich Bernerin sei. Hm. Das hörte ich, ehrlich!, doch viiiel lieber als die Frage, ob ich Zürcherin sei. Obwohl ich auch Zürich liebe. Die Stadt. Die Menschen. Und mein lieber Freund M. gab niemals auf, seine Aufgabe als  mein Mitbewohner als Entwicklungshilfe in Metropolität zu betrachten. Dennoch mag ich die gemächlichere Gangart der Bundeshauptstadt lieber als die Hektik jener gernegrossen City an der Limmat.

Ich schweife schon wieder ab, verzeiht. Mit Umwegen über das Tessin und das Aargau  – gopf, oder heisst es nöime der Tessin und der Aargau? – bin ich dann doch wieder hier gelandet. Im Kanton meines Herzens. Ja, auch damals der Liebe wegen. Vor allem aber, weil ich mich hier einfach zuhause fühlte. Und es noch immer tue.

Die vielen Berner Jahre haben  meine Aargauer Dialekt dennoch nicht aufgefressen. Mein Assimilationsbestreben zielte nie daraufhin, mich und meine Sprache zu verleugnen. Es genügte mir, umgeben von dieser Sprache zu leben, in den Klängen dieser Sprache zu baden. Jeden Tag von neuem. Dennoch habe ich natürlich ein paar Fetzen verinnerlicht. Ohne es zu merken. Angefangen bei der Satzstellung. Zum Beispiel sagt die Bernerin in mir ‚wo-n-ig es paar Jahr ha z’Züri gläbt‘ statt meiner Aargauerindie natürlich ‚wo n i es paar Johr z’Züri gläbt ha‘ sagt. Auch die Artikel mixe ich ebenfalls oft, ohne es zu merken. Oft Neutrum statt männlich oder weiblich. Das Agenda statt die Agenda zum Beispiel. Und natürlich sind da ein paar eigenwillige Begriffe wie nöime für eventuell oder irgendwo, die aus meinem Wortschatz nicht mehr wegzudenken sind.

Doch – und jetzt komme ich endlich zur Pointe! Selber schuld, ihr lest hier freiwillig! – das genialste Wort, das zugleich die Gemütlichkeit und Lebenskunst, Bernerin oder Berner zu sein, aufs Genauste illustrier, das Berner Universum gleichsam, besteht aus nur drei Buchstaben!

Kommst du als Fremdling nach Bern, genügt es, dieses eine Wort, je nach Bedarf anders betont, anzuwenden und alle Einheimischen akzeptieren dich als einen oder eine der ihren! Just try! Darfst einfach sonst nix sagen, sonst merken sie, dass du Import bist.

1.) äuä = ausgesprochen: äuäää? mit fragendem Ton und langem zweiten ä > Soll ich dir das wirklich glauben? Du veräppelst mich bestimmt!

2.) äuä = ausgesprochen: äuä? mit fragendem Ton > ähnlich wie 1.) doch im Klang weniger fragend, mehr bestätigend, bedeutet: Ja, es ist wahr, obwohl es verrückt klingt!

3.) äuä = ausgesprochen: äuä. Kurzes zweites ä. > Ja! So ist es! Kann auch als äuä scho! daher kommen und heißt ebenfalls ja.

4.) äuä = ausgesprochen: äääuä?! Fragender Ton, doch abschließend die Stimme senken > Nein. Definitiv nicht. Vergiss es!

Doppelmoral? Na ja … ich weiß ja, dass wir Leute aus Bern (zwar ist Gstaad im Berner Oberland, doch über Polanski möchte ich hier nicht schwadronieren) zuweilen nicht so recht wissen, was nun eigentlich gelten soll, was Irgendlink bewiesen hat, dennoch meinen wir es meistens nicht böse. Wir Berner und Bernerinnen.

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Treffen sich eine Bernerin und ein Berner am Loebegge*:

– äuä!
– äuä?
– äuä …
– äuä.

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* waaas? Du kennst den Loebegge nicht?


Irgendeinisch fingts Glück eim

5. September 2009

Anti-Blues-Song …
Im Regen zu hören. Hilft fast immer …


Last Call

10. August 2009

Schon wieder schlecht geschlafen. Gegrübelt. Gekritzelt.

Bin ich denn Reisende?, mich gefragt. Bin ich nicht vielmehr Seiende? (Ich liebe Anagramme …) Reisen heißt immer wieder Türen öffnen und Türen schließen. Heißt Abschied nehmen, zurücklassen, zurückgelassen werden, weitergehen. Wenn ich eins hasse, dann Abschiede. Nicht das Loslassen generell, sondern der konkrete Moment des Abschiedes. Letzte Worte und die dazugehörige Wortlosigkeit. Letzte Umarmungen fühlen sich anders an als erste.

Das Einzige, das ich an Abschieden mag, ist die Vorfreude auf das nächste Wiedersehen. Und die hockt seit heute Nacht in meinem Bauch. Die Vorfreude darauf, in zwölf Tagen wieder nach Hause zu kommen. Mein Rucksack wird noch genau gleich aussehen wie vorher. Ein bisschen schmutziger womöglich. Ein bisschen voller vielleicht, weil ich dies und das gekauft habe. Doch äußerlich wird alles sein wie immer. Wie das die Blogger Bredenberg und Irgendlink neulich ähnlich beschrieben haben.

Doch ich selber, ich werde eine Andere sein. Meine Sicht wird eine Weitere sein. Ich werde Dinge gesehen haben, die mir neu sind. Gegenden durchreist haben, die mir fremd sind. Worte und Menschen getroffen haben, die mir unbekannt sind. Der Klumpen in meinem Bauch ist Vorfreude auf die Heimkehr, ja. Doch er ist auch Vorfreude auf die neuen Erfahrungen.

Auf dem zweiten Zettel, den ich in der Nacht bekritzelt habe – ich kann es knapp entziffern –, steht: Listen schreiben. Aber klar doch! Ich kritzle doch seit Tagen Listen. To dos. Und Packlisten. Was mir da wohl durch den Kopf gegangen sein mag? Etwas wichtiges, das ich nun vergessen werde und woran ich mich erst in Schweden wieder erinnern werde?

Was brauche ich eigentlich wirklich für meine Reise? Ein neues Notizbuch! Ein größeres. Was noch? Wie viel? Wie wenig? Wie viel von meiner Materie muss wirklich mit, damit ich mich nicht verloren fühle und wie viel brauche ich, um meine Eindrücke festhalten zu können? Wie wenig will ich mitnehmen, um mich nicht von der Schwere des Rucksackes in den Boden drücken zu lassen?

Verfolge ich ein Ziel? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Und was will ich da oben überhaupt?

Hilfe, ich will hierbleiben. In meiner Höhle. Will keine neuen Erfahrungen sammeln. Will nicht weg. Bin müde. Will schlafen.

Öhm. Natürlich will ich weg. Will gehen, sehen, reisen, kreisen, begegnen, loslassen, weitergehen … und am Schluss lande ich – wie Büne auf „Rimini Flashdown I“ singt – ja doch immer wieder nur vor der eigenen Türe.