05:55

24. März 2011

Ich schaue auf meinen Wecker. Nullfüf-füfefüfz. Das gleichnamige Lied von Züri West erklingt. Im Kopf. Melancholische Sentimentaltät. Schlafen dürfte ich noch eine ganze Stunde. Ist ja erst nullfünf-fünfundfünfzig.

Doch ich liege schon seit einer Stunde wach. Drehe mich, wende mich, schiebe Gedanken von West nach Ost wie Vargas‘ Kommissar Adamsberg die Wolken. Und zurück von Ost nach West.

Ich lasse nahe und ferne Erlebnisse Revue passieren. Den gestrigen Abend zum Beispiel. Mein Abschiedsgeschenk fürs X, das Hilfswerk, für das wir arbeiten, sei das gewesen, hatte Kollege M. bei seiner Abschiedsumarmung gemeint. Gut möglich. Fragt sich nur, wer da wem ein Abschiedsgeschenk gemacht hat.

Es steckte unglaublich viel Zeit und Arbeit hinter diesem Event, keine Frage. Und noch mehr Herzblut. Den Bühnenpoeten PL, den Rapper KB und die Sprachkursteilnehmerin TH zusammen auf die Bühne zu holen und sie Geschichten über Sprache, Weisheit und Verständnis erzählen zu lassen ist eins, es dabei aber zu so einem wunderbar witzigen, unterhaltsamen Abend werden zu lassen, das andere. Das es gelungen ist, ist wirklich ein Geschenk. Ein Geschenk auch für mich, denn der Einsatz und die schlaflosen Nächte haben sich offensichtlich gelohnt.

Meine heutige Schlaflosigkeit gilt unter anderem meinem Rückblick auf fast drei Jahre Hilfswerkarbeit. Da ist Dankbarkeit für Gelerntes, für Erfahrungen, Begegnungen und ganz besonders für die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Dankbarkeit und Freude. Als mir Kollegin K., die heute an meinem „Letzten“ nicht dabei sein kann, gestern Nachmittag ihr persönliches Abschiedsgeschenk überreichte, musste ich doch tatsächlich fast heulen. Ganz zu schweigen von all den Abschiedsumarmungen und -wünschen gestern Abend nach dem Event.

Mein Rückblick schließt die ganzen letzten sechs Berner Jahre ein. Die Heimat zu verlassen sei ein mutiger Schritt, meinte gestern die Scheffin meines Scheffs zu mir. Hat sie recht? Kann ich meine Heimat wirklich verlassen? Wenn ich sie in mir drin habe, ist sie doch immer dabei. Heimat ist das Schneckenhaus, das wir alle in uns tragen.

Sprache ist überall, heißt es im Manifest der Berner Spoken-Word-Gruppe „Bern ist überall“. Ja, und auch Kommunikation ist überall. Nicht-kommunizieren geht nicht. Wo Sprache ist, ist Heimat. Überall.

Zum Manifest: http://www.beatsterchi.ch/index___id=5751&l=de.html
Abwärts scrollen.

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Montagmorgenwege

21. Februar 2011

Da fahr ich also – relativ gut gelaunt für Montagmorgen und mit gutem Sound im Ohr – zur Post. Nichts böses ahnend und – dank Irgendlink – seit November sogar gut beradhelmt, um gegen die Gefahren der bösen Welt und der Straße gewappnet zu sein. Wie gesagt, gut gelaunt und nichts böses ahnend betrete ich also den neuen provisorischen, weitläufigen Schalterraum, gehe zu unserem Postfach, kralle mir die Post und will wieder aus der Halle raus, als ich auf einmal von einem Schalterbeamten hinter Panzerglas blöd angemacht werde. Er winkt rum und sagt etwas, deutet auf mein Stahlpferdchen an meiner Seite, das mich bis zum Fach begleiten darf und sagt irgendwas.

Ich verstehe nix, habe ja die Stöpsel in den Ohren. Ich höre eben lieber Kristofer singen als Schalterbeamte wettern. Nett wie ich bin, nehme ich die Stöpsel raus, bereue es aber sogleich. Muss mir nämlich eine Das darf man nicht-Litanei anhören. Dass ich das Rad draußen lassen müsse, sagt er.
Wieso?,
frage ich. Da steht nirgends, dass Räder hier drin verboten sind. Ich denke an den Krug, der zum Brunnen geht, bis er bricht und dass ich insgeheim auf diesen Eklat gewartet habe, seit es diese neue provisorische Postfastanlage gibt. Was ich natürlich nicht sage. Außerdem stört das doch niemanden, sage ich stattdessen.
Oh, doch, sagt da jemand hinter mir, ein Securitasmännlein in orangem Tarn- ähm Warnanzug, das mich vorher, als es sein Postfach leerte, schon dumm angegafft hat. Und ich es klug ignoriert. Oh doch, das versperrt den Weg, sagt es.

Ich muss fast losprusten, halte mich aber zurück und tue erbost. Zwei gegen eins, ihr Feiglinge aber auch, fühlt euch stark, nicht wahr?, denke ich. Die automatische Türe ist breit, die Gänge sind breit, neben meinem Rad kommen noch vier Leute locker gleichzeitig durch die Türe, oder drei dicke. Ich schüttle nur den Kopf …

Morgen komme ich mit dem Motorrad, sagt nun der tumbe Securitastyp, der es nicht leiden mag, dass jemand etwas wagt, das er in Tat und Wahrheit selbst auch möchte, aber sich nicht traut. Selbst etwas so banales, wie mit dem Rad eine Schalterhalle zu betreten. Nein, diese Typen kann ich echt nicht ernst nehmen. Da geht’s nur um Powergames. Noch immer kopfschüttelnd verlasse ich den Raum und weiß nicht, ob ich ob dieser Bigotterie und Kleingeistigkeit weinen oder lachen soll. SVP-Wähler, denke ich. Mein Urteil ist gefällt. Genau aus solchen Menschen besteht die Wählerschaft der k…braunen Schweizer Großkotzpartei. Ein Grund um stolz zu sein ist das wahrlich nicht.

Mainstream ist Sch***, schreibt C. in ihrer Mail, nachdem sie von einem wiedergetroffenen Kollegen erzählt hat, der sich von seiner Akademikerkarriere verabschiedet hat, um endlich seinen Traumberuf zu lernen, Automech. Und nun endlich glücklich ist.


Adrenalin

16. Februar 2011

Morgen. Männer. Warnwesten. Orange. Polizei in schwarzen Buchstaben. Aufgenäht vermutlich. Autos im Schritttempo. Adrenalin im Blut der Fahrerinnen und Fahrer. Von unsern Bürofenstern aus schauen Kollegin A., der Scheff und ich zu, wie die einen angehalten, die andern durch gewunken werden. Mächtige Buchstaben auf den Westen machen Motoren langsam. Mächtige Farbe, dieses Orange.

Reize. Eindrücke. Forderungen. Sophia, kannst du bitte …? Meinst du, dass du das bis Mittag schaffen kannst? Telefongeklingel. Der Versuch, meine Notizen von der gestrigen Sitzung in einen Zusammenhang zu bringen, der andern sinnvoll erscheint. A. telefoniert nun schon bald eine Stunde. Laut. Der Scheff nebenan auch. Auch laut. Da sitze ich, eingeklemmt in die Stimmen, und versuche zu denken. Reize. Überflutung. Lärm. Der Drucker. Mittendrin ein paar stimmungsaufhellende SMS vom Liebsten. Weiterarbeit.

Mittagspause. Heimradeln. Musik im Ohr. Noch so ein Reiz. Ein wohltuender allerdings. Alleweil besser als der Lärm der Autos. Hören. Und hingucken. Augen auf. Knapp die Fußgängerin verfehlt, die ohne Fußgängerinnenstreifen die Straßenseite wechselt und mich nicht gehört hat. Die nicht geguckt hat. Muss ich denn für alle mit gucken?, grummle ich vor mich hin.

Reizüberflutung. Nachmittags noch ein paar Könntest du bitte?, die eigentlich schon keine Bitten mehr sondern Hilfeschreie sind. Um fünf fahre ich meinen Rechner runter. Genug! Im Großverteiler mit dem großen M im Namen, mit dessen Budget-Klopapier ich mir am liebsten den Po putze, hat es so viele Leute wie vor Weihnachten. Mit meinem Korb ecke ich überall an. Die andern ebenfalls. Sorry hier, sorry da. An der Kasse beichte ich, dass ich das Klopapier nicht gefunden habe, dieses ganze bestimmte. Die Schlange hinter mir wächst, ich spüre nicht sehr liebe Blicke, ignoriere sie ohne mich lächelnd dafür zu entschuldigen, dass ich Klopapier brauche. Die nette Kassiererin geht im Lager nachschauen, kommt zurück, sagt, nein, es hat keins mehr und tippt weiter, während ich, der Schlange zum Trotz, das zweitbeste hole. Ich spüre, wie gleichgültig mir die Warteschlange ist. Ausnahmsweise. Kein Adrenalin mehr. Ich kann mich nicht fremdstören. Heute nicht. Zu müde.

Mich fremdstören – Wortkreation aus dem Hause Irgendlink, letztes Wochenende.
Stört es dich eigentlich, dass mich XYZ stört?, hatte ich ihn gefragt.
Ich gestehe, sagt er, dass ich mich zuweilen fremdstöre. Für dich.
Nett irgendwie,
sage ich, aber ist nicht nötig. Kann ich ganz allein, wenns sein muss.

Leute, vergesst das gute alte Fremdschämen, österreichisches Wort des Jahres 2010. Fremdstören ist das Wort – was sage ich? –, das Gebot der Stunde! Ob du ebenfalls fremdgestört bist, erkennst du daran, dass du einen Umstand verbesserst oder zumindest verbessern oder verändern willst, von dem du denkst, dass sich jemand irgendwann daran stören könnte. Konjunktiv. Prophylaxe. Tun wir oft. Frauen mehr als Männer vermutlich. Jetzt, wo ich einen geschärften Blick dafür habe, sehe ich es überall. Wie ich mich fremdstöre. Wie sich andere fremdstören. Wir sind eine Gesellschaft voller Fremdstörenden, voller Fremdgestörten. An der Kasse, heute, war es mir egal. Ich lasse mich nicht stressen. Adrenalin-Depot leer. Punkt. Und stören können sich die anderen eh ganz allein. Wenns denn sein muss.

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(((Notiz an mich: (Warum) kann ich bloß erst, wenn ich völlig erschöpft bin, gesunde Egoistin sein?)))


Hailaiz

15. Februar 2011

Okay, das müsste natürlich Highlights heißen, aber Hailaiz ist kürzer und schreibt sich leichter. Und überhaupt, wir könnten so viel Zeit sparen, wenn wir die Rechtschreibung vereinfachen würden. Nein. Darüber will ich jetzt nicht schwadronieren. Weder über Zeit und Geld und Sparen noch über Recht- und Linkschreibung (die noch erfunden werden wird. Irgendwann).

Heute will ich tun, was im Hochglanzheft stand, dass ich bei meiner Hof-Friseuse gelesen habe. Über das Glücklichsein im Alltag, um dem phösen Stress ein Schnippchen zu schlagen. Zehn Tipps. Einer davon hat, wen wunderts, mit Dankbarkeit zu tun. Sich jeden Abend an die Hailaiz des Tages erinnern, solle mensch, und für all die guten Dinge dankbar sein.

Tu ich jetzt. Und für die von gestern auch gleich. Weil … eigentlich hat ein Hailait von heute schon gestern Abend angefangen. Weil ich an der Kasse warten musste. Das hier:

Gestern nämlich, im genossenschaftlichen Großverteiler mit den vier orangen Kleinbuchstaben, wartete ich – wie gesagt  – an der Kasse, ließ meine Augen herumspazieren und entdeckte auf dem rot getitelten Boulevardblättchen oben rechts ein Bild meines Lieblingsrockmusikers … Zusammen mit Sina. Muss ich googlen, zuhause, notierte ich im Geist. Tat ich auch, eine Stunde später, und fand obiges Video. Keine Ahnung, wie oft ich es heute schon auf meinem iPhone gehört habe … 🙂

„… müesst gränne vor Glück …“ Gopf, wie romantisch ich drauf komme, wenn das Stück läuft!

Draußen vor der Tür – noch immer auf dem Heimweg, noch immer bei besagtem Großverteiler – erwartet mich mein Stahlesel. Verdutzt betrachte ich die Frau, die ihre Einkäufe in meinen Fahrradkorb gestellt hat und nach ihrem Fahrradschlüssel kramt. Versteckte Kamera?

Öhm, sorry, darf ich bitte mein Rad wieder haben?, sage ich lächelnd. Nun ist sie verdutzt und stammelt im schönsten Walliser Deutsch – was mich natürlich an Sina erinnert und daran, dass ich zuhause Sina und Büne googlen muss – dass sie das falsche Rad angepeilt habe. Weil … sie habe sich heute dasjenige ihrer Nachbarin ausgeliehen. Kenne es nicht gut. Es sei eben auch silbrig wie meins. Sie schaut sich um und deutet auf einen schnittigen Bergler. Ob ich tauschen soll? Na ja, einen Korb kannst du auf dem Mounty nur schwer montieren …, denke ich. Da bleib ich doch lieber meinem Göpel treu. Lachend wünschen wir uns einen guten Abend. Ich grinse noch, als ich Minuten später mein Treppenhaus hochsteige.

Heute Morgen. Auf dem Weg zur Arbeit. Effingerstraße stadteinwärts. Rechterhand alte Stadthäuser. Im ersten Stock treten im gleichen Augenblick – in schönster Spontanchoreographie, die nur das gelebte Leben schreiben kann – eine ältere Frau und ein älterer Mann auf ihre Balkons und schauen auf die Straße herunter. Die Frau sieht sich um und entdeckt ihren Nachbarn. In harmonischer Symmetrie winken sie sich einen Guten-Morgen-Gruß zu. Wie jeden Tag?

Am frühen Mittag bei C., meiner Hof-Friseuse. Ich atme ihr Glück ein während ich sie zur Begrüßung küsse.
Frisch verliebt?
Jaaaa … und wie! (Stammleserinnen erinnern sich.)
Ich freue mich so für dich! Noch ein Hailait! Ein weiteres ist ihre Haarwäsche. Und der Austausch mit ihr. Tolle C.!
Ich werde dich vermissen, sagt sie.
Ich dich auch. Und das meine ich so. Ich werde mir dich nicht mehr leisten können, wenn ich nicht mehr hier wohne, sage ich theatralisch.
Aber wir sehen uns trotzdem ab und zu!?
Und wir schreiben uns, gäll!?
Bestimmt!

Gopf, so viele liebe Menschen kenne ich hier. So viele Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen habe ich hier gemacht. Nein, es wird mir nicht leicht fallen, von hier wegzuziehen. Dankbarkeit erfüllt mich, während ich am Abend, nach einer Marathonsitzung, endlich nach Hause radle, die Wohnung betrete, Badwasser einlaufen lasse und dabei in Gedanken diesen Artikel hier kreiere.

Später dankbar all die tollen und ermutigenden Kommentare lesen, die meine BlogbesucherInnen hier hinterlassen. Faule Bloggerin ich, die nicht mal Kommentare beantwortet! Lesen tu ich alle. Immer. Dankbar.


Ausgleich

2. Februar 2011

An jedem Monatsersten zähle ich das Geld in unserer Kasse, vermerke feinsäuberlich alle Ausgaben im Kassenbuch, alle Ein- und Ausgänge im Postkonto-Buch und stelle eine abschließende Kostenrechnung für den vergangenen Monat auf. Ertrag. Aufwand. Alles feinsäuberlich nach zig Konten und sieben Kostenstellen getrennt. Alles feinsäuberlich gezählt und feinsäuberlich geordnet. Und es geht immer auf. Ehrlich! Immer! Darum liebe ich Buchhaltung ja so: sie ist vorhersehbar. 🙂

Außer gestern. So kurz vor dem freien Nachmittag hätte ich gerne gesehen, wie meine kleine doppelte Buchhaltung – einer Schalenwaage  gleich – in der Mitte stehen bleibt, aufgeht. Wie immer. Für einmal blieb mir dieses Glück verwehrt und ein hartnäckiges Minus von hundertzweiundneunzig Franken ließ meine Waagschalen heftig wanken. Es tauchte seltsamerweise sowohl bei der Soll-Haben-Aufstellung als auch in der Kasse auf.

Heute Vormittag zählte ich also erneut das Geld in der Kasse. Ein drittes, ein viertes Mal. Und ich überprüfte die Eingänge, die Ausgänge, die Richtigkeit aller Belege. Rechnete alles mit dem Taschenrechner nach, weil ich Excel misstraute. Ich überprüfte alle automatischen Formeln und überlegte, ob wohl Merkur rückläufig durch die Himmel kurve, aus purer Langeweile, um mich zu narren. Tut er aber beides nicht. Schließlich zweifelte ich ein klein bisschen an meinem Verstand, dann fragte ich bei allen Kolleginnen nach, ob sie mir wirklich alle Belege abgegeben hätten. Ja, sagten alle und überschütteten mich mit Tipps. Und ich suchte, forschte, grübelte, überlegte weiter und weiter …

Irgendwann kam ich auf die Idee, mir die Konsolidierung des letzten Monats anzuschauen. Auf einmal die Erkenntnis: Bei der Eröffnung des neuen Kassenbuches hatte ich – wie immer – das alte File von letztem Jahr geleert und überschrieben. Geleert? Eben nicht! Die eine, die alles entscheidende, die allererste Zahl, die erste Einlage hatte ich eben genau nicht gelöscht. Ich hatte gestern nicht die letzte Zahl vom letzten Tag des alten Jahres eingetragen, sondern den Übertrag vom vorherigen Jahr stehen lassen. Aus unerfindlichen Gründen. Und so ging ich beim aktuellen Monatsabschluss von einem falschen Guthaben aus. Dem alten statt dem neuen. Zufällig lag jenes hundertzweiundneunzig Franken höher als das vom ersten Januar dieses Jahres.

Eine falsche Annahme, eine falsche Voraussetzung, eine falsche Basis … und alles verschiebt sich. Alles wird falsch und lässt uns falsche Schlüsse ziehen.

Nachdem ich allen meinen Fauxpas gebeichtet hatte und wir uns über das Fehler-machen-dürfen ausgelassen hatten, meinte mein Scheff: Das wird dir fehlen! Du wirst das Detektivin-spielen-dürfen vermissen, wenn du nicht mehr hier bist. Diese alltäglichen Thrills, Recherchen und Feuerlöscheinsätze …

Du wirst uns vermissen! Nein, genau das sagte er nicht, obwohl er genau das meinte. Und als ich ihm später beibrachte, wie sich ein farbig geschriebener Text schwarz färben lässt, meinte er, er wäre ohne mich längst untergegangen. Was ich ihm in eben diesem Moment irgendwie glaubte und mich ernsthaft fragte, wie es jemand so weit bringen kann, ohne zu wissen, wie sich ein Text umfärben lässt*. Vermutlich nur eine weitere falsche Annahme …

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*Zur Ehrrettung meines Scheffs muss angemerkt werden, dass er normalerweise Texte umfärben kann. Nur heute nicht. Blackout. Kann vorkommen. Falsche Annahme seinerseits, dass er das Icon für Feldfärben statt jenes für Schriftfärben angeklickt hat. Doch über seine weiteren IT-technischen Kenntnisse schweige ich mich hier besser aus.


Königin für einen Tag?

6. Januar 2011

King For A Day? Bobby Conn lässt grüßen.

Heute Vormittag fuhr ich mit der hehren Absicht ins Büro, in der Pause kurz in die nahe Bäckerei zu radeln und einen Dreikönigskuchen für unser heutiges kleines Büroteam zu holen. Kaum angelangt, offenbart unser aller Scheff uns, dass er in der Pause in die Bäckerei gehe um einen Kuchen zu holen. Soll er doch, denke ich, so habe ich mehr Zeit zum … Na, ihr wisst schon. Adressen updaten. Muss ja auch mal sein.

Später schließlich Pause. Kollegin A., die letztes Jahr Königin war, weil sie sich zielsicher auf das von mir angepeilte Stück, in dem ich den König wusste, ahnte, dachte, gestürzt hatte, ließ uns andern heute den Vortritt.

Bildquelle: http://gesalzen-gepfeffert.ch/schweiz_02.html

Kollegin M., die keinerlei Ambitionen hatte, erwischte prompt ein königloses Stück. Ich liebäugelte mit einem Stück auf der mir abgewandten Seite. Ja, da ist bestimmt der König drin! Bestimmt. Ich wusste es. Wie letztes Jahr.

Und, was tue ich? Ich nehme ein anderes Stück. Natürlich. Nach mir nimmt der Scheff das Mittelstück, verzichtet so zwar auf den potentiellen König, aber bekommt dafür am meisten Kuchen ab. Und was tut Kollegin A.? Ja, sie nimmt „mein“ verschmähtes Stück. Und wird wieder Königin.

Was sagt das über mich aus?, kritzle ich nach der Pause schnell auf ein Post-it, bevor ich weiter Adressen update. Wissen, wo der König ist, ihn aber nicht nehmen.

Für eine Antwort hat es nicht gereicht. Antworten und kluge Gedanken verdunsten eh alle im Laufe des Tages. Werden von den Wellen des Tages hinweg gespült und gehen zu Grunde. Da liegen sie dann und gammeln vor sich hin. Die einen werden womöglich zu Perlen und geraten vielleicht sogar eines Tages in die Hände einer Schatzsucherin.

Mag sein, dass ich auch schon Perlen anderer ans Licht geholt und sichtbar gemacht habe.

Alles nur Recycling …


kurzsichtig

5. Januar 2011

In der Frühstückspause mal wieder politisiert. Über Obama und dass sich Politik erst langfristig oder gar im Nachhinein als positiv oder negativ offenbart. Und schon diskutieren wir den Palästinakonflikt rauf und runter. Wir fragen uns, ob Menschen, wenn sie immer nur Krieg und Elend sehen, gar nicht anders können, als selbst irgendwie aggressiv zu werden, destruktiv zu denken und entsprechend zu handeln. Oder dass sie zumindest kaum eine Chance haben, anders zu sein, anders zu reagieren. Selbst zu agieren. (Notiz an mich: Wie war das gleich mit den Anlagen, die wir mit auf die Welt bringen? Wir haben immer die Wahl? Wirklich?)

Kollegin A. erzählte daraufhin von einer Performance, die sie miterlebt hat. Ein junger Mann aus Palästina (oder Israel?) war aufgetreten und hatte seine Saxophon-Soli mit Bombengetöse ab Tonträger untermalt. Oder hatte er vielmehr die Bombengeräusche mit seinem Saxophonspiel untermalt?

In diesem Geräuschteppich sei er groß geworden, habe er anschließend erzählt, sagt A.. Bereits als Kind habe er so sein Gehör geschult und schon von weitem gehört, wie weit weg eine Bombe entfernt war und welchem Typus sie angehörte. So wie westliche Kinder zuweilen Autos am Bremsgeräusch erkennen. Sein Wiegenlied waren die Bomber gewesen, sie hatten ihn zu seiner Musik inspiriert. Überlebensstrategie.

Das Problem vom Palästinakrieg sitzt in den Köpfen, sage ich.

Nicht nur jenes vom Palästinakrieg. Die Ursache von allen Konflikten, sagt mein Scheff.

Es geht um Recht haben, stärker sein und scheinbare, nach unserem Sinn interpretierte Gerechtigkeit durchsetzen zu wollen. Letztlich also um die leidige Angst zu kurz zu kommen. Alles im Kopf. Alles konditioniert, denke ich. Gebrannte Kinder wir alle.

Wo wären wir, wenn es keine Kriege gäbe?, frage ich. Nicht zum ersten Mal, dass ich dies denke und hier niederschreibe. Wir Hilfswerk-Mitarbeitenden müssten wohl auf Kurzarbeitszeit umstellen, wenn es auf einmal keine Kriege mehr gäbe und keine Flüchtlinge mehr an Land gespült würden.

Doch auch die vielen Reichen, die ihr Geld dank Waffenindustrie erworben haben, müssten zurückstecken, sagt Kollegin A.

Kurzsichtigkeit ist wohl die größte Falle, politisch ebenso wie zwischenmenschlich. Dumm nur, dass wir sie – kurzsichtig wie wir sind – nicht sehen können.

Ich setze mich wieder an meine PC und die Arbeit an der Datenbank, die ich bis nächsten Dienstag auf Vorderfrau bringen soll. Toller Job, juhuuu. Nur noch dreihundert Adressen muss darf ich überprüfen. Freude herrscht ;-(

Dass ich für eine Adresse mit sämtlichen vorzunehmenden oder zu überprüfenden Vernetzungen um die drei Minuten im Durchschnitt brauche, habe ich heute schwarz auf weiß berechnet.

Kurzsichtig? Tut mir leid, dass ich es zurzeit nicht schaffe, weitsichtige Texte zu weben. Ich sehe grad nur den nächsten Schritt vor mir … das muss genügen.