Ein letztes Mal

Es war einmal eine Frau. Eines Morgens, als sie erwachte, war das Zimmer, in dem sie geschlafen hatte, erstaunlich leer. Da waren nur die Futonmatratze mit ihrem Bettzeug und zwei Taschen mit ihr im Zimmer.

Die Wände waren schneeweiß und rochen nach Neuanfang, erzählten zugleich Geschichten aus sechs Jahren Leben. Erzählten erfreuliches, beklemmendes, imtime Details und Absurditäten. Erzählten von den Menschen, die diese Räume besucht hatten und an deren viele Namen sie sich nicht erinnern konnten. Im Gegensatz zu der Frau, die – wie am Ende einer Wanderung angekommen – erst im Rückblick begriff, wie kostbar diese lange Wanderung und die vielen Begegnungen unterwegs gewesen waren. Anstrengend und erfrischend zugleich.

Natürlich erinnerten sich die Wände auch an all die Tränen und Krisen, an all die Tiefpunkte und schier unüberwindbaren Hürden, denen die Frau in den Jahren unter ihrer Obhut gegenübergestanden hatte.
Wir Wände sind neutral. Wir schützen und umgeben, flüstern sie ihr zu, und wir beengen und beschränken.

Ihr seid wie mein Hab und Gut, sagte die Frau. Es macht mich reich und unfrei zugleich. Es gibt mir Geborgenheit und Sicherheit, aber es ist zugleich ein Klotz am Bein.

Das leere Zimmer nickte. Das fühlte sich so an, als schaukle das Bett. Wie ein Boot.

Die Reise geht weiter, sagte die Frau. Ich danke dir, für all das, was du mir warst. Auch für all das, was du mir nicht sein konntest, weil es nicht deine Aufgabe ist, danke ich dir.
Danke fürs Zuhören. Ich wünsche dir und meinem Nachfolger und meiner Nachfolgerin ein ebenso schönes Miteinander wie wir es hatten.

Der laute Nachbar aus dem obersten Stock lärmt durchs Treppenhaus. Halb sieben. Nach ihm könnte sie die Uhr richten. Konnte sie. Imperfekt. Sie wird ihn nie mehr hören. Kein Morgen mehr. Nicht hier.

Sie wird aufstehen, ein letztes Mal, und ihre Sachen packen. Ein letztes Mal frühstücken. Ein letztes Mal Altpapier und Kehricht an den Straßenrand stellen. Danach ihr Auto füllen, bis an den Rand, mit Staubsauger, Kühlbox und Futon.

Heute Abend wird sie sich an einem andern Ort in einer andern Welt in ein anderes Bett legen.

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9 Responses to Ein letztes Mal

  1. Quer sagt:

    Dazu wünsche ich ihr alles Glück, das sie dafür bekommen kann, wirklich alles! Bonne Chance!!!

    Liebe Grüsse zum Abschied und zum Neubeginn,
    Brigitte

  2. mara sagt:

    ach meine liebe – bin schon etwas bedrückt am samstag gegangen.
    aber die welt ist dank www u iphone ein dorf, die besten wünsche mara

  3. Anhora sagt:

    Ich wünsch dir eine selige Nacht im neuen Bett! 🙂

  4. Li Ssi sagt:

    möge die nächsten wände dich erneut schützen und beschützen, denn die unbill des lebens macht ja vor dem irgendwoneu nicht wirklich halt… aber nein, will ich jetzt etwas unken? aber nein… ich wünsche dir wunderbare träume in deiner nacht in den neuen wänden…

    ich denk an dich
    ganz viel liebes und schönes für dich und irgendlink, nun an einem ort vereint…

  5. Sofasophia sagt:

    danke, ihr lieben, für die wertvollen wünsche
    ich bin – nach wohnungsübergabe und letzten dingen in bern – nach einer stressfreien fahrt im bis zum rand vollgepackten sternchen gegen abend gut auf dem berg gelandet.
    seltsam, dass ich ihn drei tagen nicht wieder zurückfahren werde.
    mit im gepäck vor allem: mich, ganz und gar, mit haut und haar.
    fortsetzung folgt 🙂

  6. Gudrun sagt:

    Meine Mutter sagte immer, dass das wahr wird, was man in der ersten Nacht im neuen Bett träumt. Ich hoffe, du hattest einen guten und schönen Traum.
    Alles Gute für dich und viel Glück.

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