Adrenalin

Morgen. Männer. Warnwesten. Orange. Polizei in schwarzen Buchstaben. Aufgenäht vermutlich. Autos im Schritttempo. Adrenalin im Blut der Fahrerinnen und Fahrer. Von unsern Bürofenstern aus schauen Kollegin A., der Scheff und ich zu, wie die einen angehalten, die andern durch gewunken werden. Mächtige Buchstaben auf den Westen machen Motoren langsam. Mächtige Farbe, dieses Orange.

Reize. Eindrücke. Forderungen. Sophia, kannst du bitte …? Meinst du, dass du das bis Mittag schaffen kannst? Telefongeklingel. Der Versuch, meine Notizen von der gestrigen Sitzung in einen Zusammenhang zu bringen, der andern sinnvoll erscheint. A. telefoniert nun schon bald eine Stunde. Laut. Der Scheff nebenan auch. Auch laut. Da sitze ich, eingeklemmt in die Stimmen, und versuche zu denken. Reize. Überflutung. Lärm. Der Drucker. Mittendrin ein paar stimmungsaufhellende SMS vom Liebsten. Weiterarbeit.

Mittagspause. Heimradeln. Musik im Ohr. Noch so ein Reiz. Ein wohltuender allerdings. Alleweil besser als der Lärm der Autos. Hören. Und hingucken. Augen auf. Knapp die Fußgängerin verfehlt, die ohne Fußgängerinnenstreifen die Straßenseite wechselt und mich nicht gehört hat. Die nicht geguckt hat. Muss ich denn für alle mit gucken?, grummle ich vor mich hin.

Reizüberflutung. Nachmittags noch ein paar Könntest du bitte?, die eigentlich schon keine Bitten mehr sondern Hilfeschreie sind. Um fünf fahre ich meinen Rechner runter. Genug! Im Großverteiler mit dem großen M im Namen, mit dessen Budget-Klopapier ich mir am liebsten den Po putze, hat es so viele Leute wie vor Weihnachten. Mit meinem Korb ecke ich überall an. Die andern ebenfalls. Sorry hier, sorry da. An der Kasse beichte ich, dass ich das Klopapier nicht gefunden habe, dieses ganze bestimmte. Die Schlange hinter mir wächst, ich spüre nicht sehr liebe Blicke, ignoriere sie ohne mich lächelnd dafür zu entschuldigen, dass ich Klopapier brauche. Die nette Kassiererin geht im Lager nachschauen, kommt zurück, sagt, nein, es hat keins mehr und tippt weiter, während ich, der Schlange zum Trotz, das zweitbeste hole. Ich spüre, wie gleichgültig mir die Warteschlange ist. Ausnahmsweise. Kein Adrenalin mehr. Ich kann mich nicht fremdstören. Heute nicht. Zu müde.

Mich fremdstören – Wortkreation aus dem Hause Irgendlink, letztes Wochenende.
Stört es dich eigentlich, dass mich XYZ stört?, hatte ich ihn gefragt.
Ich gestehe, sagt er, dass ich mich zuweilen fremdstöre. Für dich.
Nett irgendwie,
sage ich, aber ist nicht nötig. Kann ich ganz allein, wenns sein muss.

Leute, vergesst das gute alte Fremdschämen, österreichisches Wort des Jahres 2010. Fremdstören ist das Wort – was sage ich? –, das Gebot der Stunde! Ob du ebenfalls fremdgestört bist, erkennst du daran, dass du einen Umstand verbesserst oder zumindest verbessern oder verändern willst, von dem du denkst, dass sich jemand irgendwann daran stören könnte. Konjunktiv. Prophylaxe. Tun wir oft. Frauen mehr als Männer vermutlich. Jetzt, wo ich einen geschärften Blick dafür habe, sehe ich es überall. Wie ich mich fremdstöre. Wie sich andere fremdstören. Wir sind eine Gesellschaft voller Fremdstörenden, voller Fremdgestörten. An der Kasse, heute, war es mir egal. Ich lasse mich nicht stressen. Adrenalin-Depot leer. Punkt. Und stören können sich die anderen eh ganz allein. Wenns denn sein muss.

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(((Notiz an mich: (Warum) kann ich bloß erst, wenn ich völlig erschöpft bin, gesunde Egoistin sein?)))

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4 Responses to Adrenalin

  1. irgendlink sagt:

    Ich hoffe, du hast mit Kleingeld bezahlt, auf den Rappen genau abgezählt, gaaaanz langsam? Das macht die hinter dir an der Kasse schier wahnsinnig. Harhar. Was hätte ich mich da fremdgestört, ich Gestörter, ich.

  2. Sofasophia sagt:

    hatte leider bloß noch knapp vier franken in münzen. was nicht mal fürs klopapier zweiter wahl gereicht hätte. aber da es im fischermätteli-m-voi, du weisst ja, kein förderband und nur einen kleinen ladentisch hat, versperrte ich allen nachfolgenden den platz. auch nicht schön. ganz schön gestört …

  3. wildgans sagt:

    ja, habt ihr zwei denn nicht diese bösartigen antreiber in euch? stöhnt ihr nicht gequält in kassenschlangen herum, auf autobahnen, auf der post?
    ausbremser, ihr 🙂

  4. Sofasophia sagt:

    aber liebe frau wildgans … das eine schliesst doch das andere nicht aus 😉

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