beides

30. Juni 2010

„Kaum ist der Kühlschrank voll, ist er auch schon wieder leer. Kaum ist das Gras geschnitten, ist es auch schon wieder hoch. Kaum ist die Wäsche gewaschen, ist der Korb schon wieder voll. Kaum hat ein Tag begonnen, ist er auch schon wieder vorbei“, sofasophiert meine liebe Freundin K. in ihrer heutigen Mail.

Später fragt sie mich: „Wie willst du wissen was Fülle ist, wenn du nicht weißt, was Leere heißt? Wie willst du wissen, was Liebe ist, wenn du nicht weißt, wie es ist, wenn sie fehlt? Wie willst du dir sicher sein, wenn du nicht den Zweifel kennst? Wie Nähe leben, wenn du nicht auf Distanz gehst?“

Wie ein Echo zu meinem gestrigen Bloggespinst!, denke ich, während ich mir ihre Worte auf der Zunge zergehen lasse und das Wunder und Geheimnis der Gegensätze rieche.

Unvermutet taucht das Gefühl von heute früh wieder auf und der Geruch von Sommermorgen. Auf meinem Meditationshocker sitzend, die Sonne im Gesicht, las ich einen kleinen Text über das Schöpfungsmythos und die Schöpfungsgöttin der Cherokee. „Walk in beauty“, las ich, ist seit jeher das Credo dieses Stammes, „schreite in Schönheit“.

Das Fenster schwang auf und meine Seele flog durch Zeit und Raum. Da saß ich nun auf einer hohen Felsnase und blickte in die unendliche Ferne. Weit und breit kein Mensch, kein Haus. Nichts, dass auf die Existenz von Menschen hindeutete. Nur Natur. Unendlichkeit. Stille. Weite.

Uralte Erinnerungen an eine andere Zeit.

Gleichzeitig hier und dort sein – zuweilen geht es, denn alles ist mit allem verwoben. Gleichzeitig den leeren Kühlschrank bedauern und den vollen Tisch genießen. Gleichzeitig ruhig und gewiss sein, dass alles gut ist, so wie es ist und zugleich meine Werke in Frage stellen. Auch das geht. Über allem dieser Bogen aus Geborgenheit trotz aller Unsicherheit. Unter allem dieser Boden aus Vertrauen ins Leben, obwohl ich doch weiß, wie zerbrechlich es ist. Ein Gegensatz mehr. Und ein Geheimnis auch.


Den richtigen …

29. Juni 2010

„Ich möchte einfach endlich den Richtigen finden!“, sagt sie und nickt sich selber Mut zu. Ihr Blick versinkt in ihrem Spiegelbild, ertrinkt beinahe. Ein klein bisschen Hader in der Stimme, den das Schnipselgeräusch der Schere, mit der sie meine Haare bearbeitet, beinahe übertönt. Und eine Prise Traurigkeit. Zweifel auch an der Berechtigung ihres Wunsches. „Meinst du, das geht?“

„Warum auch nicht?“, denke ich. Habe ich wohl auch zu ihr gesagt und es bestimmt auch so gemeint – trotz der Banalität dieser Worte. Worthülse. Doch nun zweifle ich, weiß ich doch nicht, ob es ihn – nicht nur für C., ich meine überhaupt – ob es diese(n) berühmt-berüchtigte(n) Richtige(n) wirklich gibt, auf dem/der alle Erwartungen lasten. Traummann. Märchenprinzessin.

„Geht das?“, fragt C. Der Richtige, die Richtige, das Richtige – Plattitüde, Illusion, Hoffnung. Da hängt es also, dieses Bild von Leben wie es zu sein hätte, wenn wir es selbst erfinden könnten, dieses Bild von Mitarbeitenden, von Freundinnen und Freunden, von Lieblingsmenschen, so wir sie erfinden würden … Da hängt es, an den Innenwänden unseres Herzens, oder im Kopf irgendwo. Im Bauch womöglich. Festgenagelt. Unverrückbar.

„Ich kann schlecht glauben und gut zweifeln,“ habe ich zu C. gesagt, später. „Alles stelle ich in Frage. Immer wieder. Am allermeisten mich selbst.“

Kaum etwas nehme ich ständig gleich wahr. Weder Weltbilder noch was ich über Menschen denke. Nicht, dass ich mein inneres Steuer von heute auf morgen um hundertachtzig Grad drehe, eher ist es so, dass ich mich ständig mit meinen eigenen Perspektiven auseinandersetze, mich neu austariere, was ist, neu gewichte. Ich synchronisiere mich laufend.

Die richtige Sicht? Meine neugewonnene Sicht ist immer solange die richtige, bis ich eine neue ‚richtige Sicht‘ gefunden habe. Bis ich ein neues Update downloade und installiere. (Notiz an mich: Aus welchem Netz hole ich meine Downloads? Welchen Ein-Flüssen setze ich mich aus? Mögliche Antwort: aus meinem universellen Jetzt).

Doch wie wir den Richtigen, die Richtige, das Richtige finden können, weiß ich nicht – wohl weil es das Richtige nicht dauerhaft gibt. Oder es wird immer wieder neu durch uns selbst zum richtigen gemacht. Durch unsere Entscheidung.


artig

28. Juni 2010

Kunst ist überall



Pragmatismus à la Suisse

27. Juni 2010

Bin gestern Morgen mit diesem Satz hier erwacht:
Besser endlich Sommer und dafür nicht im Achtelfinal mit dabei als
kein Sommer und dafür im Achtelfinal mit dabei.

Irgendwie muss sich frau ja trösten, wenn alles Daumendrücken und sogar das „Hopp Chile“ rufen nix nützt.

Sommer tröstet über solche Verluste hinweg.
Sommer ist einfach toll.
Sommer auf dem einsamen Gehöft ist toller als toll.
Am tollsten aber ist, dass wir bald Urlaub haben.
Heute in einer Woche geht’s los. Insch’allah.

Hier bleibt irgendwie die Zeit stehen … oder geht sie vor?
Wäre ich eine Uhr, wäre ich lieber eine, die stehen geblieben ist oder lieber eine, die vierzig Minuten vorauseilt?
Erstere zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit, weiss aber nicht wann, während die zweite immer falsch zeigt, dafür immer richtig daneben liegt.


bis der Durst gelöscht ist

24. Juni 2010

Wenn ich bei mir einkehre
Gibt es kein Bier
Es gibt keinen Fussball
Und keine Chats
Da ist niemand  –

Erst nach einer Weile
Höre ich die Stille
Und nicke ihr zu
Etwas später
macht sie den Vorhang auf
die Welt schaut herein
Freundlich und bunt
Die Berge und das Flachland
Die Seen und die Städte
Menschen und Tiere
Alle ganz versunken
In die Zeit
In der sie stehen

Wenn ich bei mir einkehre
Ist es wie damals
Als ich noch klein war
Auf dem Brunnenrand kniete
und Wasser trank
Bis der Durst gelöscht war

Quelle: Rundbrief vom 22.6.10 von Linard Bardill

mehr über den Bündner Liederer und Lyriker …


take a break

23. Juni 2010

Gestern Herbst, heute Sommer. Verrückte Welt – dreht sich rückwärts.

Unser Bürogebäude und der Innenhof werden renoviert. Nichtsdestotrotz verbringen wir unsere Pausen draußen. Stege führen über den Erdboden – als wäre er Wasser.

Da hilft nur eins: Tee trinken.


mehr?

22. Juni 2010

Liebe ist auch, wenn er und sie nicht gleich stark lieben, sagt das MigrosMagazin. Auf Seite 79 der aktuellen Ausgabe steht es schwarz auf weiß: Frauen lieben mehr.

Ich zweifle am Wort „mehr“. Wie lässt sich Liebe, wie lässt sich die Größe einer Liebe messen? Wie lässt sich die Größe des Himmels messen und die Tiefe der Erde und was fange ich mit irgendwelchen bei Umfragen ermittelten Zahlen in irgendwelchen Statistiken an? Liebt mehr, wer öfters sagt, dass er sie, dass sie ihn, sie sie oder er ihn liebt? Liebt mehr, wer Liebe durch vielerlei Geschenke, Handlungen und Gesten ausdrückt? Welches ist die Währung, in der sich Liebe messen lässt und bin ich naiv, dass ich überhaupt noch an die Liebe glaube – an jene Liebe, um die es im unten zitiertem Artikel geht, der Erotik einschließenden Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen?

Die einzige Währung, die ich gelten lasse, ist der Herzschlag. Hm, nein, stimmt so nicht und klingt irgendwie bescheuert. Oder kitschig. Zweiter Versuch: Die einzige Währung, die ich gelten lasse, ist das Maß der Hingabe. Doch, seien wir ehrlich, auch diese Bereitschaft, sich einzulassen, auch sie lässt sich nicht messen.

Ich werde, seit ich gestern untigen Artikel gelesen habe, dieses Bild hier nicht mehr los: Ganz lieben, ganz fest lieben, einander ganz fest zu lieben und sich einander zu öffnen und hinzugeben sei in jedem Fall hundert Prozent. Das „ein Prozent“ des einen Menschen ist kongruent mit dem „ein Prozent“ des anderen Menschen. Selbst wenn wir glauben, unser „ein Prozent“  sei grösser als das „ein Prozent“ unserer Liebsten … Aus der Sicht jedes Menschen ist sein „ein Prozent“ und ist sein „hundert Prozent“ so groß wie es eben möglich ist. Ganz. Wie groß oder wie klein etwas ist, wird immer eine Frage der Perspektive, der Relation und der Wahrnehmung sein. Manchmal sind zwei vermasselte Brötchen grösser, gewichtiger und eben „mehr“ als die siebenhundertfünfundneunzig, die ich bis dahin gebacken habe.

Ob Frauen mehr als Männer lieben, ist nicht wirklich relevant. Dass wir lieben, ist relevant. Neulich habe ich in einem Roman gelesen, dass zu lieben das größte sei, was es gibt. Jemanden zu lieben sei größer als geliebt zu werden. Mag sein. Ich persönlich finde gegenseitiges Geben und Empfangen am allerschönsten. 🙂

Hier nun der erwähnte Artikel:

Das vermeintlich schwache Geschlecht ist bekanntlich in vielem stärker — nach neusten Erkenntnissen auch im Lieben. Das berichten Forscher der Bradley University in Illinois USA. Sie wollten von über 15 000 Menschen in 48 Ländern wissen, wie stark sie Liebe empfänden. Es stellte sich heraus, dass fast überall auf der Welt die Frauen intensivere Liebesgefühle entwickeln als Männer. Diese Diskrepanz ist umso grösser, je emanzipierter Frauen sind, und ist interessanterweise in der Schweiz am größten. Nirgends investieren Frauen so viel mehr Gefühle als Männer. Gemäß der Studie sind grundsätzlich politisch stabile, wohlhabende Länder der Liebe am ehesten zuträglich. Wer in Armut oder Krieg aufwachse, habe mehr Mühe, Bindungen aufzubauen. Das gilt auch für arrangierte Ehen oder solche, die der wirtschaftlichen Absicherung dienen.

Quelle: Migros-Magazin Nr. 25 vom 21.Juni 2010 (http://www.migrosmagazin.ch/pdf/index.cfm?ausgabe=201025&seite=79)