Mit allen Sinnen

29. Januar 2010

Kaffee. Mit Schokolade drin. Wunderbarer Geruch dringt zum Hochbett herauf und kitzelt meine Nase. Unten knarrende Schritte auf dem Holzboden. Das Öffnen und Schließen der Ofentüren. Quietschende Scharniere. Holz knallt und singt. Tanzt mit den Flammen. Durchs Dachfenster über mir das weiße Licht von Schnee. Neuschnee. Vielleicht werden wir eingeschneit. Ohne Fragezeichen. Kalt und warm ganz nahe beieinander. Außen und innen.

Wie existentiell Wärme doch ist! Hier oben, auf dem Berg, wird mir das einmal mehr bewusst. Vor zwei Jahren ungefähr durchlebte ich eine Phase, wo mir Gedanken an die Zukunft – im Hinblick auf unsere Ressourcen wie Wasser und Öl – fast Panik verursacht hatten. Nicht dass sich in der Zwischenzeit am Status Quo der Erde viel zum Guten verändert hätte, im Gegenteil, doch inzwischen lösen solche Gedanken keine Panik mehr aus. Ändern kann ich mit den Sorgen, die ich mir heute mache, eh nichts. Pragmatismus hat diese abgelöst.

Eine meiner damals brennenden Fragen war: Werden wir Menschen, wenn die Erfüllung unsere Grundbedürfnisse gefährdet ist, sozialer oder werden wir egoistischer? Anders gefragt: Werde ich zum Tier, wenn ich kalt habe? Gestern, am Ofen, war sie auf einmal wieder da, diese Frage. Allerdings eher auf der intellektuellen Ebene. J. meinte: Egoistischer werden wir. Bestimmt. Das zeigt doch schon die Geschichte.

Wohl hat er recht. Würde heißen, ich wäre genauso egoistisch wie alle anderen. Wie jene, über die ich mich nerve. Vielleicht. Will ich zwar nicht. Ist aber so. Bestimmt. Und du auch. Du da ebenfalls. Oder?

Können wir, so fragte ich, also nur sozial handeln und sozialer werden, weil wir oder wenn wir genug haben? Oder gar Überfluss? Fragezeichen. Viele sogar. Immerhin etwas, wovon ich ohne jede Frage überzeugt bin: Not macht kreativ.

Nun. Hier. Jetzt. Was brauche ich wirklich? Ich lege ein neues Stück Holz nach. Genieße die Wärme und den Gesang aus dem Ofen. Feuer riecht nach Kind. Das Kind in mir ist mit allen Sinnen Mensch und nimmt jeden Augenblick so, wie er ist.

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rotes Gebet

28. Januar 2010

Bitte, liebe Wettergöttinnen,
zeigt Einsehen
und lasst es nicht oder nur ein bisschen schneien oder regen,
während ich unterwegs nach Norden
bin.
Lasst mich gut und sicher fahren.

Danke!

EDIT 29.1.10: Rote Gebete scheinen zu wirken … Göttinnenseidank!


direkt

28. Januar 2010

Letzten Sonntag im Wald
auf der Suche nach einem Cache notiert:
Das Weltbild der Satelliten …
Und gedacht:
Sagen sie die Wahrheit, die Absolute gar? Wissen sie alles, diese
künstlichen Sterne da oben? Oder nur wo ich bin, aber
nicht warum und wie …

Notiert auch dies:
Die Wahrheit der Satelliten …
Und zugleich an dieser gezweifelt. Denn
sie wissen nicht. Nichts. Nicht wirklich. Sie können nur
Auskunft erteilen. Auskunft über Zusammenhänge. Kaltes Wissen. Und ich
begriff, während ich dem Pfeil auf dem GPS folgte, dass
oft
immer
nicht der direkteste Weg der kürzeste ist. Und genau da, zweihundert
Meter vor
dem Ziel hatte ich keinen Strom mehr.
Verirrt habe ich mich trotzdem nicht.


will nicht …

27. Januar 2010

… muss aber (damit ich eines Tages nicht mehr muss?)


Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

27. Januar 2010

Eine unübersehbare Frage. Ungefähr vor einem Jahr in unzähligen Schaukästen einer Berner Großbank gesichtet. In großen Lettern.

Gestern, als ich an dieser Bank vorbei fuhr, fiel mir jene Werbung wieder ein. Ich erinnerte mich an die Spiegel in den Fenstern, in die ich hätte blicken sollen, damals, um die Frage besser beantworten zu können. Die Bank-Werbefuzzis wollten wissen, was ich selber nicht wusste! Und auch heute nicht weiß. Nicht wo ich in zehn Jahren SEIN WERDE, wohlverstanden, sondern NUR wo ich mich in zehn Jahren SEHE. Denn – ich gestehe es – ich weiß noch nicht mal, wo ich mich in einem halben Jahr sehe. Geschweige denn in einem ganzen. In Zehn-Jahre-Schritte zu denken funktioniert bei mir schlicht nicht.

Ziele haben. Tja, noch so ein Allerweltthema wie Wetter und Zeit …

Hätte ich es mir denn vor zehn Jahren gewünscht, so zu sein und so zu leben, wie ich es jetzt tue? Hätte ich die Fantasie gehabt, mir mein Leben so vorzustellen? Meine damaligen Bedürfnisse waren so ganz anders gewesen als meine heutigen! Wozu also hätte ich mir damals über heute Gedanken machen sollen? Und wozu also soll ich mir heute Gedanken machen, wie ich in zehn Jahren leben werde? Leben will?

Ich erinnere mich – mit klitzekleinen Ausnahmen – nicht daran, irgendwann in meinem Leben weiter als ein Jahr vorausgeschaut zu haben. Anders verhält es sich möglicherweise mit dem Altwerden. Zu diesem Thema hätte ich allerdings ein paar Wünsche anzubringen: Gesundheit wünsche ich mir natürlich und immer von allem genug. Und einen schnellen schmerzlosen Tod, bitteschön. Einfach gesund einschlafen und nicht mehr erwachen. Gehen, solange es noch schön ist.

Und inzwischen? Genieße ich jeden einzelnen Tag. So gut es geht. Mir zuliebe.

EDIT: Natürlich sehe ich mich auch in zehn Jahren noch als glücklichen Menschen. Doch ob die Bank mit dieser meiner Antwort zufrieden gewesen wäre?


loslassen

26. Januar 2010

Er dreht meinen Kopf sachte von links nach rechts. Von rechts nach links. Lass los, sagt er leise. Und ich versuche es. Ganz intensiv. Mit aller Kraft. Doch je mehr ich mich aufs Loslassen konzentriere, desto mehr spanne ich mich an. Kopf und rechte Hand scheinen von Loslassen wenig Ahnung zu haben. Tja, sie sind es eben gewohnt, den lieben langen Tag die Kontrolle zu haben. Handeln und denken.

Mein restlicher Körper dagegen lässt sich, scheint es mir, ganz locker von den Händen meines Esalen Massage Practitioners bewegen und entspannen.

Hach, wie gut loslassen täte! Besonders heute. Doch mein Kopf ist mal wieder so voll, dass er beinahe platzt. Zwar sind die Schmerzen inzwischen erträglich, doch den brummigen Lärm all der vielen Gedanken würde ich ganz gerne gegen lauter Nichts eintauschen.

Ganz allmählich döse ich doch weg. Überlasse mich dem sanften Druck geschulter Hände und lasse mich einfach zu. So wie ich bin. Ist doch eigentlich gar nicht so schwer …


Fünftes sofasophisches Gesetz

25. Januar 2010

Das Wetter, so schrieb ich neulich, sei ein Thema worüber alle sprechen können. Immer.

Ein weiteres dieser Dauerthemen, die sich für alle eignen, ist die Zeit. Den einen vergeht sie zu langsam, den anderen zu schnell. Dann gibt es solche, die – wie ich – ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Vergehen der Zeit haben. Die nicht an die Linearität ihres Vergehens glauben mögen. Und vermutlich gibt es über die Zeit sowieso nichts neues mehr zu sagen. Also: Bitte nicht weiterlesen. Es könnte sein, dass ich dir deine Zeit vertreibe …

Einer der Kehrreime meines Lebens klingt so: Wieso ist da immer zu wenig Zeit für diese Dinge, die ich gerne tue? Immer bleibt mir zu wenig von ihr, wenn es um jene Aktivitäten,  jene Nichtstuereien und jene Begegnungen geht, die mich am meisten nähren … Was mache ich bloß falsch? Die nährenden Tage – sie sind immer zu kurz. Müssten dreißig Stunden dauern. Mindestens.

Und jene anderen Tage, wo Pflichtenberge doppelt so schnell nachwachsen, wie ich sie abtrage, müssten halb so lang sein. Weil sie ja schneller wirbeln. Und natürlich dürften sich Pflichten nicht vermehren. Und natürlich weiß ich, dass das alles Nonsens ist, kindisch, unreif. Und du bist echt selber schuld, wenn du das liest!

Na ja … Dennoch wünsche ich es mir … Möchte Zeit haben, vielviel Zeit … Und auch immer genug von allem andern, was ich sonst so brauche. Und auch das, ich weiß es, ist ein Traum. Einer meiner Lieblingsträume sogar. Und vielleicht gar kein Traum?

So, und genau dieses Geschreibsel stelle ich jetzt ins Blog. Unausgegoren. Einfach so, weil ich Lust habe. Denn alles, was wir lustvoll tun, ist gesund. Siehe Titel. Und die ersten vier?  Hm. Die haben sich irgendwo in anderen, früheren Blogartikelchen versteckt. Und ob es vier sind, weiß ich nicht mehr. Ist egal.