Bye, bye November!

30. November 2009

Lieber November

Nein, ich mag dich nicht sehr, bilde dir bloß nix auf diesen Brief hier ein! Dennoch will ich dir danken.

Was ich an dir mag, ist schnell gesagt: Während deiner dreißig Tage gelingt es mir meistens, ziemlich viel zu schreiben. Novemberschreibend habe ich es dieses Jahr immerhin auf ein paar Wörterkilometer gebracht. Wären sie alle plattgewalzt, meine ich. Wie ich mit J. neulich philosophiert habe. Wären alle meine Wörter eine lange, dünne Schnur, wäre ich schreibenderweise vielleicht einmal um die Welt gereist. Und wäre die Schnur elastisch, vielleicht sogar bis zum Mond.

Unzerreißbar müssten sie sein, meine Wörterschnüre, die ich spinne. Dünner als ein Haar. Und wasserfest. Winddicht. Wetterresistent.

Doch was sind schon 10383 Wörter im Vergleich zu all den ungesagten? Zu all den ungeschriebenen? Was sind schon ein paar halbgare Geschichten? Fragmente. Bruchstücke. Eine Datei auf einer Festplatte. Irgendwo. Keine Ahnung heißt es noch immer, dieses Dokument.

Warum? Warum nicht!

Lieber November, lass dir danken! Auch wenn ich dich nicht wirklich mag, bist du irgendwie schon okay.
Bye bye!

Grüße aus Bern
Sofasophia

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Quo vadis, Matrona Helvetia?

30. November 2009

Gopf. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. 57% der stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer fürchten sich vor Fremden! Denn dass es die bloße Furcht vor den Minaretten sein soll, mag ich nicht glauben.

Unsere Diskussion am heutigen Pausentisch war heftig. Jene Angst zu ergründen, waren wir bestrebt, die Menschen dazu verleitet, unsachliches, kackebraunes Gelaber zu glauben. Eine Art nationale Scham breitete sich wie ein Fleck Rotwein auf einem weißen Tischtuch in mir aus.

Kaum je zuvor hatte eine Initiative schweizweit für so viel Wirbel gesorgt. Kein Werbeplakat in der Stadt Bern war verschont geblieben, um Initiative-Befürworterinnen und –Befürwortern oder auch jenen, die gegen die Minarett-Initiative zu stimmen gedachten, eine Plattform zu bieten. Sätze wie Keine Minarette! wurden von Sätzen wie Keine Toleranz! erwidert. Zu Recht, finde ich. Denn bei der ganzen Debatte geht es in erster Linie genau darum. Okay, das vielzitierte Argument, dass in der Türkei oder in anderen islamischen Ländern ja schließlich auch keine christlichen Kirchen gebaut werden dürften, mag stimmen. Doch diese Argumentation ist doch einfach kindisch und erinnert an die Ausrede eines fünfjährigen Kindes, das beim Naschen erwischt wurde:
Ich nicht, die anderen auch! Wir müssen uns nicht an anderen orientieren. Wir sollen nicht. Wir dürfen nicht. Wir tragen Verantwortung für das, was wir tun. Als Gesellschaft ebenso wie als einzelne. Hier geht es um in der Verfassung definierte Menschenrechte. Es geht um Respekt und es geht, wie gesagt, um Toleranz.

In meiner geschäftlichen Mailbox fanden sich einige Mails von unserem Hilfswerk verbundenen Stellen, die ebenfalls wie unser Werk die Nein-Parole verbreitet hatten. Stellungsnahmen, Wie geht’s-weiter?-Memos und dergleichen mehr. Ja. Gute Frage! Eine Frage, die ich mir in diesem Kontext lieber nie gestellt hätte.

Okay, ich gebe es ja zu: Ich mag kein Kirchenglockengebimmel. Und ich mag bestimmt auch keine Muezzins, die Gebete ausrufen. Ich mag überhaupt keinen Lärm. Aber noch weniger mag ich kleinkarierte, angstschürende Argumentierende.

Angst vor Überfremdung? Ha! Hey, Leute, da hilft Segregation am allerwenigsten! Im Gegenteil, damit wird alles nur schlimmer! Da hilft nur Integration und die geht nicht ohne Bereitschaft auf beiden Seiten … Aber genau da hapert es wohl …

Gestern, fern von Bern, hatte ich Politik ganz wunderbar ausblenden können. Doch hier und jetzt, zurück in der kalten Realität, kann ich einfach nicht wegschauen. Da ist noch immer Unglaube. Echt, damit hätte ich nicht gerechnet.


Schnittstellen

27. November 2009

Ob wohl mal wieder ein Credo fällig wäre? Eine kleine Spinnerei zur Gretchenfrage und anderen weltbewegenden Themen wie dem Glück?
Also gut. Glauben tun wir ja eh alle irgendwas. Wie ich früher schon behauptet habe. Auch das Glauben an nichts, ans Nichts, heißt ja, an etwas zu glauben. Vielleicht ist die Fähigkeit zu glaube ja in den Genen angelegt und diente von alters her dem Überleben?

Bei mir geschieht glauben auf einer Ebene meiner Persönlichkeit, die sich meiner Vernunft entzieht. Und auch jener pragmatischen Stimme, die mich hin und wieder glauben machen will, dass da draußen – oder wo auch immer! – nix ist. Denn sie wird sofort übertönt, wenn es drauf ankommt. Wenn es um Leben und Tod geht, sozusagen. Wenn ich selber nicht mehr klarkomme, bitte ich sofort und ohne darüber nachzudenken, jene Instanzen – Singular oder Plural, je nach Fall –, die mehr als ich können, zu Hilfe. Irgendjemand hat bis jetzt immer geholfen. 🙂

Ich stelle mir ein Ding in meinem Innenraum vor, das gleichzeitig genau gleich irgendwo außerhalb meiner Selbst existiert. Auf meinem Innending sind sämtliche Infos über mich drauf. Auf dem Außending sogar alle Infos aller anderen Lebewesen. Mein Innending tauscht sich nun also ständig mit dem universellen Außending aus. Dieses Außending –, nenn es Göttin, wenn du magst, oder Gott, von mir aus auch Google – ist so etwas wie eine universelle externe Festplatte. Vielleicht. Und da sind eben alles Wissen und alle Eigenschaften drauf, die es gibt. Alle Wörter und ihre Inhalte, alles je Gefühlte, alles je Gedachte – einfach alles, was es gibt. Alles, was ist. Alles. Als Möglichkeit. Noch komprimiert. Und wertfrei.

Wenn ich also nicht mehr alleine klar komme, stellt mein Innending Kontakt zum Außending her. Möglicherweise ist aber auch ein laufender Austausch zwischen meiner Persönlichkeit und diesem Innending in Gange. Vielleicht werde ich sogar ferngesteuert? Ohne es zu merken?

Ooops. Wertfrei habe ich gesagt? Hm. Wahrscheinlich. Da sich doch alles irgendwie über sein Gegenteil definiert. Minus fünf plus fünf gibt null. Oder so.

Scheint wahr. Oder doch nicht ganz? Weil … ich glaube nämlich ziemlich fest an Schutzengel, doch ob deren Job wirklich so wertneutral ist? Deren Job besteht doch darin, Leben zu erhalten. Und das ist doch gut. Oder nicht?

Wie auch immer … Gestern – zwischen Haguenau und Bitche – glaubte ich schon, dass mein letztes Stündchen geschlagen hat. Es war bereits fast dunkel. Landstraße. Mitten auf gut überschaubarer, leicht gebogener Strecke war ich mit neunzig Sachen unterwegs, allein auf meiner Straßenseite. Da kommen mir ein Lastwagen und drei Personenwagen entgegen. Der zweithinterste Fahrer (bestimmt ein Mann!) will die beiden vor ihm fahrenden Fahrzeuge überholen und ist deswegen ausgeschert. Auf meine Seite. Wir beide reagieren blitzschnell.
Wozu gibt es Bremsen?, denke ich. Mit einem ‚Danke, Schutzengel!‘ auf den Lippen und laut klopfendem Herz fahre ich weiter durch die Dunkelheit. Nein, sterben möchte ich wirklich noch nicht. Dazu ist es noch zu früh, glaube ich.

Jetzt bin ich auf dem Berg. Zum Glück. Regen prasselt auf die Scheibe des Dachfensters über uns. Herbstwinde zupfen an den letzten Blättern an den Bäumen. Ich liege wach. Halb vier ist es, oder so. Bin zu glücklich, um schlafen zu können. Schlafen kann ich ja immer noch, wenn ich wieder zuhause bin. Ich liege wach und suche die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion. Beide eins? Beide eingebildet? Beide real? Ebenso wie Schönheit und Hässlichkeit eins sind. Meine Dienstagmorgen-auf-dem-Arbeitsweg-Erkenntnis fällt mir wieder ein.
Es gibt keine schlimmen Tage, es gibt kein schlechtes Wetter!, lautet sie. Selbst wenn der Himmel verhangen ist und die Luftfeuchtigkeit knapp unter hundert, ist jeder Tag schön. Oder besser: Nichts. Er ist einfach. Wie sagt doch mein Patensohn immer?
Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falschen Kleider!

Alles ist immer das, was wir daraus machen. Punkt. Ausrufezeichen.

Und genau hier – alle herhören! – genau hier ist der Schlüssel, das Geheimnis vom Glück verborgen! Glück ist aus dem gleichen Material gewoben wie das Unglück.

Ich drehe mich auf die andere Seite, schmiege mich an seinen Rücken und bin, glaube ich, irgendwie einfach glücklich. Oder so.


nebendran

27. November 2009

Ich glaube, sie
lauern hinter den
Augenlidern,
die Ideen. Im Dunklen.
Hinter geschlossenen
Augen. Oder zumindest in
der Stille. Sitzen gleich neben
dem Glück. Ein kleines
Stück daneben. Sind
flüchtig wie
Gas. Don‘t touch.


Mein Sternchen und ich …

25. November 2009

Es ist wieder da, mein Sternchen! Jiippie! Gaaanz lange war es nun beim Arzt. An der Prüfung Anfang November erhielten wir die Diagnose: Mit seiner linken Hinterradbremsung (oder war es die rechte?) sei was nicht in Ordnung. Und dass ein Marder sich an einer Gummiumantelung im Motorraum gelabt habe. Und dass wir deshalb diese zwei Dinge nochmals prüfen müssten.

Mein lieber Nachbar, seines Zeichens Garagist meines Vertrauens, hat sich einmal mehr meines bald vergoldeten Sternchens angenommen. Hat da ein Ersatzteil organisiert, hier was geflickt, dort was ins Lot gebracht und heute, nach bangen Tagen des Wartens – tjaja, mein Sternchen ist eben nicht mehr die Jüngste! – der erlösende Anruf: Prüfung bestanden.

Am liebsten hätte ich alle meine Bürokolleginnen, und sogar meinen Scheff, vor lauter Freude umarmt. Oder zumindest meinen Garagisten, der mir preislich, wie er sagte, ein bisschen entgegen kommen werde. Schokolade solle ich ihm schenken, schlug mein Boss vor. Schokolade mögen alle.

Werde ich morgen früh organisieren. Bin ja so was von froh, dass mein Sternchen noch ein wenig weiter strahlen wird. Und mich morgen in den Norden begleitet. Diesmal hoffentlich ohne Stau in Strasbourg! Jawohl …

Hach, wie ich mich auf die Fahrt freue!
Und erst auf das Ziel! Und auf die gemeinsame Zeit … 🙂


in der zweiten Reihe

24. November 2009

Jippie, ich habe frei!

Ich muss heute Nachmittag nichts tun, gar nichts!

versus

Ich muss heute Nachmittag Nichtstun!

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Dauert das denn noch ewig?

Hey, du, wie lange noch?

Sag doch was!

Hallo! Hallooo! Noch da?

Aber ja doch! Siehst du denn nicht, dass ich am Pause machen bin? Wann endlich begreifst du, dass Ruhe notwendig ist?

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Gespräche mit Xenö sind ziemlich anstrengend. Er ist so verdammt ehrgeizig, finde ich.

Bin ich denn wirklich noch nicht lange genug in der ersten Reihe gestanden? Was übrigens nicht immer ein Zuckerlecken ist! Sich exponieren, Verantwortung tragen, den Karren ziehen, Entscheidungen treffen, strengt an. Alle wollen immer aufwärts, alle reden von Wachstum und Entwicklung, von Karriere und Erfolg. Ich halte mir derweilen die Hand vor den Mund, damit die anderen nicht sehen, wie ich gähne.
Wie anstrengend ein Leben im ständigen Komparativ doch ist!

Wie gerne würde ich mich frühpensionieren lassen. Nur noch tun und vor allem lassen, was ich will. Genießen. Kreieren. Und falls das nicht geht, dann lasst mir doch wenigstens meinen Platz in der zweiten Reihe! Da ist es weniger anstrengend.

Wenn dies Altwerden ist, ist es wohl voll okay, alt zu werden. Ich glaub, ich mach ein Nickerchen!


der Leseabend

23. November 2009

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein gemütliches Sofa, daneben eine Leselampe. Auf dem Sofa ich. Lesend. Ganz offensichtlich darauf aus, den Abend genüsslich und vor allem ungestört zu verbringen.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Stammlesende erinnern sich? Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist auch das nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall): Was willst du diesmal?

XeNö: Och. Nur mal wieder ein paar Fragen stellen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich keine. Heute jedenfalls nicht.

XeNö: Ach, nun tu nicht gleich so zickig!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung): Ich bin zickig, wann ich will. Außerdem ist das bloß deine Definition!

XeNö: Okay. Dann frag ich anders: Du bist doch ziemlich gebildet?

Ich (weiß nicht, ob es eine rein rhetorische Frage war und ob ich mich geschmeichelt fühlen soll): …

XeNö: Warum also arbeitest du sowas?

Ich (runzle die Stirn): So was?

XeNö: Na, so was eben … unter deinem Niveau!

Ich: Sag mal, spinnst du, oder was? Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, was ich arbeite, zweitens empfinde ich deine Definition von Niveau arrogant und drittens …

XeNö: … langsam, langsam!

Ich:

XeNö: Ich meine ja nur … du hast doch alle möglichen Ausbildungen und Kompetenzen! Hast heilerisch und therapeutisch, sozial- und heilpädagogisch gearbeitet. Und unterrichtet. Außerdem kannst du massieren. Und jetzt? Sitzest du in einem Büro fest!

Ich: Und?

XeNö: Jetzt verbringst du deine Zeit mit Protokollen, Kreditoren und Buchhaltung, mit Computerproblemen und Öffentlichkeitsarbeit. Nimmst das Telefon ab, das du nicht magst, und holst tagtäglich deinen Mitarbeitenden irgendwelche Kartoffeln aus der Glut. Verbrennst dir die Finger dabei …

Ich: Hm.

XeNö (leise, kaum hörbar): Warum?

Ich (seufze): Vermutlich habe ich die Illusion verloren, ich könne die ganze Welt retten. Womöglich auch einfach deshalb, weil ich nicht mehr glaube, wirklich zu wissen, wie die Welt richtig zu sein hat. Und weil ich sie nicht dorthin schieben muss. Vielleicht bin ich resigniert? Oder vielleicht vertraue ich dem Leben einfach mehr? Dass sich Dinge auch ohne mich lösen, zum Beispiel.

XeNö: Und darum machst du einen Job wie diesen? Wo du mit dem Leid der ganzen Welt konfrontiert bist? Ist das nicht irgendwie hirnrissig?

Ich: Nicht hirnrissiger als ein anderer Job. Er ist nicht besser und nicht schlechter als jeder andere. So what? Außerdem macht dieser Job meistens Spaß. Und mein Team ist echt toll. Ich mag die Leute. Da zählen menschliche Werte. Das zählt!

XeNö: Wenn du meinst?

Ich: Ja, ich meine! Dazu habe ich – zumindest theoretisch – genug Freizeit für alle jene Dinge, die ich auch noch gerne mache. Schreiben zum Beispiel. Oder lesen.

XeNö: Und das genügt dir?

Ich: Ja. Das genügt mir. Jetzt.

XeNö: Okay, dann lasse ich dich weiterlesen. Schönen Abend noch. (Verschwindet vorne rechts und winkt mir zu) … und auf Wiedersehen!

Ich (lasse mich in die Kissen meines Sofas fallen): War das jetzt alles echt?

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In eigener Sache und ganz in echt: Ich habe eben beschlossen, den Wochenmitter-Lyrik- und Literatur-Zyklus hiermit ganz formlos zu beenden. Einfach so.