Bürosophien

30. September 2009

Was wohl ein Couvert so ganz ohne Fenster fühlt? Neid womöglich auf jene mit Fenster?

Fühlt Gold seinen Wert und wie fühlt es sich wohl an, so wertvoll zu sein?
(Bin ich das wirklich für meinen Scheff, wie A. behauptet hat? Und will ich das überhaupt sein?)

Corporate Design versus Anarchie. Dienstwege versus Abkürzungen.

Den Farbdrucker streicheln, ihm gut zureden und die richtigen Taste drücken – jene, die rot blinkt -, damit er seine Arbeit wieder tun mag. Doch was kann ich für meine überarbeitete Kollegin tun?


Kreisen

29. September 2009

Ich mäandriere. Im Krebsgang durchs Labyrinth. Vorwärts, rückwärts. Nur dank des Sonnenstandes weiß ich, in welche Richtung ich mich bewege. Falls mich das interessieren sollte. Suchen tu ich nur meine Kraft. Und finden.

Weder Anfang noch Ende.
Ob sich das Beten nennt?

Es gibt immer ein Ende. Auch hier. Aber das Ende ist stets der Anfang von etwas Neuem. Die Punkte, die wir im Leben setzen, sind immer nur vorläufig.
Henning Mankell, Der Chinese; S. 592

oder …

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …
Hermann Hesse, Stufen

oder …

Jeder Mensch, den ich in meinem Labyrinth antreffe, ist ein Ausdruck von Leben. Ist Kreuzung. Und macht es mir möglich, mich neu zu sehen. Weckt schlafende Teile in mir.
Sofasophia, Alltagsgedanken


vorbei

28. September 2009

Gewohnheiten beibehalten wollen
oder sie loslassen
Gefühle verwischen
oder sie einkochen
Gebete als mäandrierende Wege durch die Labyrinthe der eigenen Kraft begreifen
oder sich in den Himmel ausleeren
Rollen fallen lassen
oder sie festschnüren

Wie Sonne und Mond immer wieder neu auf- und untergehen
Ewiges Kreisen
als Falke im Turm
als großer Gesang womöglich

Schnappschüsse
für die Ewigkeit

jura0706

und schon vorbei

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Pic (06.07) und Text by Sofasophia


Rollenspiele

27. September 2009

Wie schön! Dann werden wir unsere heutige Kollekte also für ein Inland-Projekt sammeln?! Für Schweizerinnen und Schweizer. Gut so. Es gibt ja auch bei uns viele Hilfsbedürftige!, sagt die Frau, der gegenüber ich am zum Frühstück gedeckten Tisch im Gemeindesaal Platz genommen habe.
Öhm, sage ich, es ist zwar schon ein Inland-Projekt, aber … die Nutznießerinnen sind Frauen mit Migrationshintergrund. Ist eben ein Integrationsprojekt.
Wird sie trotzdem spenden? Wird sie unser neues Integrationsprojekt, das ich im Laufe dieses Erntedankfestes mit Powerpoint‘scher Hilfe vorstellen werde, unterstützen?

Hatte ich nicht neulich behauptet, dass ich keine Schauspielerin sein? Heute einen neuen Anlauf genommen. Statt Schauspiel Rollenspiel. Bin ja für meine Arbeitsstelle hier. Obwohl ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Dass ich diesen Job übernommen habe, verdanke ich einer Verkettung von Umständen. Und der Tatsache, dass ich stellvertretende Projektleiterin bin.

Morgens um viertel vor acht ist die Welt noch in Ordnung. Vor allem sonntagmorgens. Fast allein auf der Autobahn. Lockerer Nebel, der die aufgehende Sonne durchblitzen lässt. Alles frisch. Ich fühle mich gut. Singe zur Musik. Brettere Kilometer um Kilometer zürichwärts und finde den Weg zum Gemeindehaus von D. dank Plänen und Wegbeschreibung denn auch auf Anhieb.

Lampenfieber habe ich kaum. Vorträge halten kann ich. Ist ja keine Kunst. Hm. Was für mich selbstverständlich ist, bestaunen andere. Was anderen selbstverständlich ist und ich nicht kann, bestaune ich. Das Licht unter dem Scheffel? Kunst kommt von können, sagt der Volksmund.

Gutbürgerliches Dorf. Gutbürgerliche Gemeindesaal. Gutbürgerliches Frühstück. Der Pfarrer stammt aus der Gegend zwischen Köln und Düsseldorf. Er heißt mich in seinem sympathischen Dialekt herzlich willkommen. Bald widmen wir uns dem Beamer und dessen Kabeln.
Doch,
meine ich, das müsste klappen. Ich setze mich an einen der Tische. Zu irgendwelchen Menschen. Was mir, da ich heute Morgen die Rolle der Hilfswerk-Vertreterin angezogen habe, nicht mal so schwer fällt wie der eher scheuen Sofasophia im ganz normalen Leben. Die Maske drückt nicht, denn hinter dem Job, den ich hier tue. kann ich stehen. Dennoch versuche ich heute etwa Neues. Tue heute so, als sei ich Kirchgängerin. Tue es, um zu sehen, wie sich das anfühlt. Pokerfacemodus ein. Spannend, die Welt aus dieser Perspektive zu sehen. Ein anderes Objektiv. Zoom statt Weitwinkel. Die Kirchgängerin Sofasophia singt bei den Liedern mit. Gospels, die sie aus ihrer eigenen Konf-Zeit kennt. Wie herzig die Konfirmandinnen und Konfirmanden sind. Sie lesen den heutigen Bibeltext vor. Wann ich wohl das letzte Mal in einem Gottesdienst war? Muss Jahre her sein! Später stellen sich die jungen Leute mit Namen und Hobby vor. Und warum sie konfirmiert werden wollen. Mehrfachnennung: Damit ich später kirchlich heiraten kann. Sagen Fünfzehnjährige! Undercover-Spionin Sofasophia beißt sich auf die Zähne. Dream on, Kids. Kirchgängerin Sofasophia boxt sie in die Seite. Sei barmherzig. Sei tolerant!, flüstert sie. Ja, ja, schon gut.

Fünf grauhaarige Damen spielen auf der Zither nette Stücke. Alles besser als Orgel. Die Ladies spielen sehr konzentriert und sehen alles andere als verkalkt aus. Abgesehen von den Konfirmandinnen ist das Durchschnittsalter im Saal um die sechzig. Ich senke den Durchschnitt ein klein bisschen, höchstens um ein halbes Jahr. Bob Dylan wird gezithert. Dass nur der Wind die Antwort kenne.

Von der Predigt bin ich positiv überrascht. Eher philosophisch das Ganze. Um das Sich-Wundern geht es. Sich wundern über Schönheit. Schönheit sei ein Wunder Gottes, sagt der Kirchenmann. Der Göttinnen, ergänze ich für mich, wenn schon. Kann Schönheit absichtlich sein?, überlege ich. Gibt es zufällige Schönheit? Und wenn ja, wer shufflet sie?

Bei meinem Vortrag sehe ich in lauter interessierte Gesichter. Macht Spaß irgendwie. Doch sobald es sich mit den Gepflogenheiten der Höflichkeit vereinbaren lässt, verabschiede ich mich. Sehe, dass im Kollekte-Korb schon ein paar fette Geldscheine liegen und hoffe, dass die geputzten Klinken eine Weile weiterglitzern.

Im Auto Schönschuhe aus- und Alltagsschuhe anziehen. Spionin und Kirchgängerin lasse ich nicht einsteigen.

Zu M. fahren, die in der Nähe, auf der anderen Seite der Limmat, wohnt. Spontanbesuch, erst gestern beschlossen. Obwohl ihre sechsundneunzigjährige Mutter zu Besuch ist, die ich fast ebenso lange kenne wie meine Freundin M..

Jedes Mal, wenn ich die alte Frau sehe, glaube ich ein bisschen, dass alt werden schön ist. Die letzten paar Jahre waren die schönsten meines Lebens, sagt sie. Ich habe immer gemacht, worauf ich Lust hatte. Wandern zum Beispiel. Jedenfalls bis zum Unfall an Pfingsten, von dem sie sich nur allmählich erholt. Ihr Temperament lässt sich kaum bändigen und geduldig zu sein fällt ihr schwer. Die Zeit läuft ihr davon, dünkt es mich. Und bei der Abschiedsumarmung orakelt sie, ob es wohl das letzte Mal sei …

Beim Essen hat sie von ihrem früheren Beruf als Telefonistin erzählt. Obwohl sie doch viel lieber Turnlehrerin geworden wäre. Ich sehe das Kabelgewirr vor mir, während sie redet. Sehe, wie sie Leitung A mit Leitung B verbindet. Irgendwo im Hintergrund eine Kontrollinstanz, die ihre Arbeit überwacht hat.

Später spazieren wir an die Limmat, lassen die alte Dame auf einer sonnigen Bank Platz nehmen und drehen eine Runde von Brücke zu Brücke. M. hat viel erlebt, seit wir zum letzten Mal ausgetauscht haben. Ich auch. Freundinnen sind einfach eine geniale Erfindung. Im Gegensatz zur Zeit, die auch uns davon fließt. Wie die im Sonnenlicht glitzernde Limmat.


Bruchstücke

26. September 2009

Wenn es um unsere Essenz geht, sollen wir alles geben. Immer.
Wenn es um Visionen geht, sollen wir nicht vernünftig sein.
Wenn es darum geht, unser Ding zu tun, steht uns Himmelsmanna zu, statt für Brot jobben zu müssen.
Wenn es um den eigenen roten Faden geht, den eigenen Kunst-Weg, den eigenen Ausdruck, sollen wir den Mut haben, uns treu zu sein. Immer.
Nicht Konjunktiv.

Nicht käuflich sein.
Nicht kleinkünstlich handeln.
Nicht kleingeistig denken.

WIRKLICH sein.
Wirklich SEIN.

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Roter Faden Diskrepanz:
Ich bin anders – auf der einen Seite.
Ich will gleich sein – auf der anderen.
Das Glück in der Anpassung?
Tut anders sein weniger weh?

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Noch etwas: Wir gehorchen ihr. Wir vertrauen ihr. Wir liefern uns ihr aus. Wir überlassen ihr das Denken. Wir vertrauen ihr unser Leben an.
Gibt es etwas mächtigeres als eine Verkehrsampel?

Und zu guter Letzt noch dies: Habe große Kleinkunst geschaffen heute. Eine neu geteerte Straße mit Kaugummi – made in Schweden – verziert. Gespuckt in hohem Flug aus fahrendem Auto. Für eine Signatur hat es leider nicht gereicht. Spucken für die Ewigkeit.


Bekenntnisse

25. September 2009

Zuerst das Zweite. Ein Coming-Out: Ich bin temporäre Soziophobikerin. Ah. Jetzt ist’s raus. Tut gut. Nein, verstehen muss das niemand. Ich tu‘s ja selber nicht. Die Schübe überfallen mich vor allem in großen Menschenmassen. Können aber auch kleine sein. Oft vermeide ich sie natürlich und sie treffen eben auch nicht immer ein, will heißen, nicht in allen Menschenaufläufen drin. Also sind wohl noch andere Voraussetzungen nötig. PMS zum Beispiel. Oder lunare Launenhaftigkeit. Und anders geartete Dünnhäutigkeiten, verursacht durch Leistungsdruck oder Überforderung. Und natürlich das Wichtigste: zu wenig Zeit und Ruhe. Zu wenig Rückzug. Zu wenig Schlaf.

Migros Köniz nach Feierabend. Na ja. Ich wüsste es eigentlich. Meiden! Jedenfalls an Tagen wie heute. Doch wo ich schon mal vorbei fuhr, an diesem Konsumtempel … Natürlich weiß ich inzwischen, wie ich diese Schübe bannen kann. Musik in den Ohren ist eines der probatesten Schutzmittel. Mir mittelfristige Ziele versprechen, ein anderes. Will heißen, mich auf später vertrösten, auf die Zeit nach dem Stress. Immerhin hat sich der Migros-Besuch wegen der Bilderrahmen gelohnt. Dennoch: Herzklopfen, Cortisolüberproduktion, Adrenalinschub. Panik. Mikro-Paranoia. Kommt mir alle bloß nicht zu nahe, ihr anderen. Drängelt doch nicht so. Wieso geht’s denn nicht vorwärts? Und wieso ist ausgerechnet mein neues Fahrrad-Gummispannset mit einem Code angeschrieben, den die Kasse nicht lesen kann? Wie lange dauert das denn noch?

Rückblende. Oder erstens. Noch ein Coming-Out: Ich tauge definitiv nicht zur Entertainerin und Schauspielerin. War heute zur Textleseprobe bei Pfarrer H. in der Kirche. Stammlesende ahnen, worum es geht.

Schei…schei…schei… hätte ich doch damals bloß nicht zugesagt, anlässlich dieses Erntedankgottesdienstes einige meiner Texte vorzulesen. Ihr müsst wissen, dass ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Und dass ich Orgelnmusik hasse. Alles zieht sich in mir zusammen, wenn so ein Teil zu lärmen beginnt. Der Bauch verkrampft sich. Warum muss der Organist auch ausgerechnet heute proben, wo H. und ich doch die Akustik der Kirche testen wollten? Ooops, mit Funk-Mikrophon? Wo ist denn hier der Notausgang?

Ja, ich habe zugesagt, murmle ich, und: Nein, ich werde nicht aussteigen! Schließlich wurden Flyer gedruckt. Mit meinem Konterfei. *grmpf* Der Raum ist schrecklich hoch. Das Echo macht, dass ich langsamer als langsam lesen muss. Meine Geschichten entgleiten mir, resonieren nicht mehr in mir drin. Leer und hohl wirken sie, denn H. unterbricht mich bei jedem nicht verstandenen Wort. Meine Nerven sehe ich bald schon wie blankgeschälte Kupferkabel vor mir. Ich sage H., dass ich am liebsten alles abblasen möchte. Wir zoffen. Auch Pfarrer sagen so Sachen wie: Es schei…t  mich langsam an. Irgendwie tröstlich.

Meine zweite Kurzgeschichte versteht er in ihrer Aussage und Absicht nicht. Den Bogen nicht, die Stilmittel sowieso nicht und die Pointe ist beim ihm hundertachtzig Grad verkehrt angekommen. Kein Empfang für subtile Ironie. Ich mag diese Geschichte, will sie nicht mit ihm analysieren und werde sie deshalb nicht vorlesen. Dennoch zweifle ich an mir. Und ich trotze. Verhalte mich rebellisch. Motze. Zicke. Diva-Allüren?

Nein, ich bin nicht geschaffen für so was. Bin nicht gesellschaftstauglich. Nicht an Tagen wie heute. Lautes Nein! Ich will im stillen Kämmerchen schreiben. Ich will nicht auftreten. Ich will für Lesende schreiben, nicht für Hörende.

Na ja. Immerhin habe ich etwas gelernt: So was nie mehr. Ist doch auch was.


Ge(steins)schichten

25. September 2009

Erst kurz nach halb zehn. Freitag – Freier Tag. Habe wenig geschlafen und bin, wie so oft, wenn ich nicht zur Arbeit muss, voller Ideen erwacht. Kippte Wörter aus Kopf und Bauch auf Papier.

Ausgelöst durch das aktuell so intensive Eintauchen in die Lebensgeschichten anderer und einem Gespräch neulich über das Leben früher – vor sieben Jahren zum Beispiel –, zog ich mein damals säuberlich ausgedrucktes Tagebuch aus der schweren Schachtel voller Alltagserlebnisse. Hätte ich besser bleiben lassen, denke ich nach fünf Minuten Blättern im Bett. Heavy Stuff. Nein. Schon gut so. Veränderungen zu sehen tut gut.

Bin das ich, die das schrieb? Die das erlebt hat?

Oktober 2002: Massive Depression. Sinnsuche. Leere. Sehnsucht nach dem Tod. Nach Erlösung zumindest. Suche auf allen Kanälen. Nach Antworten. Spirituellen vor allem. Suche außen draußen irgendwo. Selbstzweifel. Kraftlosigkeit. Lebenskrise. Freundinnen und Freunde werden erwähnt, die mir zur Seite stehen. Kaum mehr Träume. Täglicher Kampf, zu tun, was zu tun war. Die Beziehung zu A. stand kurz vor dem Kollaps. Der Countdown lief bereits. Lars noch am Leben. Blonde Engelslocken. Süße zweieinhalb Jahre alt. Das einzige wohl, was mich am Leben hielt – damals.

War das ich – echt? Und wenn ja welches Ich? Wohin war all die Kraft versickert, die ich heute wieder in mir wahrnehme?

Gut zu wissen, dass aus dem Chaos Neues entsteht. Entstehen kann. Konjunktiv. Es tut sich nicht allein. Trümmer können gesichtet werden. Bücher können geschlossen werden. Und neue geschrieben. Und Seiten gewendet.

Oder sind solche Aussagen wie jene im letzten Abschnitt bloße Augenwischerei? Lebenslügen? Überlebensstrategien? Selbstvera…ung?

Ich spiegle mich in mir selber. Ich jenem alten Alter Ego. Was ich dabei empfinde, wenn ich IHRE Geschichte lese? Mitgefühl. SIE tut mir verd… leid diese Frau! Wie gefangen SIE ist. In sich selber. In den überhöhten Ansprüchen, wie Leben zu sein hätte.

Nein, ganz frei bin ich immer noch nicht von verinnerlichten Mustern und gesellschaftlichen Vorgaben. Doch ich kämpfe nicht mehr. Heute lasse ich zu. Klopfe mir hin und wieder auf die Schulter. Jener Frau, die ich damals war. SIE ist weitergegangen. Irgendwo hat SIE Mut gefunden.

Zwischen Yoga und Dusche noch mehr Papier bekritzelt. Nun Zwetschgenfrühstück am Laptop. Den Schreibtisch voller Zettel.

Sichten. Umschichten. Verdichten.