an die Leine genommen

26. Juli 2009

Ja, ich weiß, es ist Sommer. Alle Welt tummelt sich draußen. Die Sonne scheint und die Natur ruft  … Doch der Abgabetermin für meinen Artikel rückt unaufhaltsam näher. Außerdem habe ich ein paar rohe Geschichten auf dem Feuer. Die müssen eingeköchelt und ständig mit ein bisschen Wasser abgelöscht werden. Sonst brennen sie an. Und für die Lesung in dreizehn Tagen (schon?) muss ich auch noch den richtigen Text finden.  All das vor den Ferien … es gibt viel zu tun. Es GÄBE viel zu tun …

Deshalb bin ich heute brav zuhause geblieben und sitze bei schönstem Wetter am Laptop. Allerdings so gut wie draußen. Doch was tue ich? Ich surfe! Womit wir wieder beim Thema „zu wenig Zeit“ wären. Zwei Herzen in meiner Brust. Wie der Autor im Buch, das ich lese, habe ich offenbar auch meine ganz eigene Art von Disziplin.

„Der Nichteingeweihte versteht das natürlich nicht. Es wäre ja auch kaum begreiflich zu machen, worin die Disziplin liegt, wenn einer vier bis fünf Stunden des Tages mit ruhelosem Warten im Nichtstun verbringt: aufsteht, von einem Raum in den nächsten wandert, sich irgendwo niederlässt, (…) ein Bad nimmt, zu einem Buch greift (…) Krach schlägt, wenn ein Besuch in „stört“ (…) …inzwischen ist es nachmittags um sechs oder vier Uhr früh – und mit weiterer Zeitverschwendung von zwei Stunden erfolgreich eine oder bestenfalls anderthalb Seiten vollzuschreiben.“

Sándor Márai. Mal wieder. Seit ich seine „Glut“ gelesen habe, schafft es dieser ungarische Autor immer wieder, mich zu packen. Den roten Faden in seinen Romanen sehe ich weniger in den Themen oder Figuren seiner Geschichten, als darin, wie er menschliche Banalität, menschliche Genialität, menschliche Absurdität und menschliche Brutalität, die alle irgendwie ganz nahe beieinander stehen, sich wohl oder übel gegenseitig einatmen und sich zugleich voneinander fortdrängen, in Worte kleidet. So als hörten wir seine Antiheldinnen und –helden beim Denken zu.

In der Bibliothek bin ich neulich fast zufällig über seinen „Hund mit Charakter“ gestolpert. Wie bitte? Márai schreibt einen Roman über Hunde? Jawohl! Und wie! Der Protagonist, genannt „Herr“ – Màrais Alter Ego? –, schenkt der Dame des Hauses zu Weihnachten einen Welpen. Wir schreiben das Jahr 1928. Nein, nun kommt keine süße Hundegeschichte, wie könnte es auch? Es folgt, typisch für den ungarischen Philosophen, eine Geschichte darüber, wie diese kleine Kreatur, dieses wollknäuelige Hundebaby, mit seiner Schamlosigkeit den ganzen Haushalt durcheinander- und den Autoren dazu bringt, eigenes Verhalten zu hinterfragen. So wie es eben nur Márai kann.

„Es fällt ihm dennoch schwer, den Widerstand aufzugeben; die Scham, die ihn überkommt, wenn er sich um ein Tier kümmert, wohl wissend, dass jetzt gerade hundert Millionen Menschen auf der Erde … – doch wie soll er sich mit hundert Millionen Menschen abgeben? Wie soll er sie alle lieben? Wie kann er etwas für sie tun, wenn er keinen einzigen von ihnen kennt? Vielleicht sollte man die Welt doch einfach da anpacken, wo sie einem am nächsten ist. Wo man sie zu fassen bekommt? (…) Und dann, wenn all das erledigt ist und er immer noch einen kleinen Überschuss an Gefühlen, Hingabe und Eifer hat, dann darf er diesen zum Beispiel auch an einen Hund verschwenden …“

Der Tag, an dem der Hund die Leine kennenlernt, ist kein einfacher. Zuerst flippt er beinahe aus …

„Plötzlich hält der Hund im nervösen Herumtrippeln und Wimmern inne. Jetzt hat er begriffen. Er erstarrt vor Entsetzen, und dann sagt er Nein! (…) Es bricht mit so entsetzlicher Wut und Verzweiflung aus ihm hervor, wie es nur aus jemandem hervorbrechen kann, der im Recht ist. Er hat das An-der-Leine-Sein verstanden, begriffen fürs Leben. Nein, das nicht! … kommt der Schrei. (…) … das kann doch nicht sein! Warum auch? Dann wäre ja alles aus, der Sinn des Daseins, kein Ziel mehr, für das es sich zu leben lohnte, da wäre keine Würde mehr und keine moralische Gerechtigkeit und auch kein wahres Gesetz, weder dort oben in den Sternen noch hier unten in der endlichen Welt zwischen Schlaf- und Herrenzimmer! Jetzt hat er begriffen und kann es nicht ertragen.“

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