Mein Sommernachtstraum

30. Juni 2009

Nachts am See. Schwimmende Wörter. Ungebunden. Ohne Satzzeichen. All die unzähligen Wörter all meiner Geschichten. Der geschriebenen ebenso wie der ungeschriebenen. Die bereits geschriebenen haben sich aus dem Korsett der Sätze herausgepult. Für ein paar Stunden im See. So viele, so viele.

Ich stehe am Ufer und ziehe spielerisch das eine oder andere Wort heraus. Ich halte jedes kurz fest, betrachte es und werfe es anschliessend in den kühlen See zurück. Einige wenige, die mir ihr Einverständnis geben, behalte ich. Sammle. Verdichte. Dichte. Dichte ein. Schichte. Schichte um. Verdichte noch mehr. Werfe noch mehr Wörter in den See zurück.

Endlich ist da nur noch ein einziger Satz. Ein Satz für jede Geschichte, die ich je geschrieben habe, schreibe, schreiben werde. Je ein Satz. Der immer schon da war. Nein, ich habe sie nicht bemerkt, diese Sätze. Sie waren immer schon da. Sind mir immer schon gefolgt. Haben sich an meine Fersen geheftet. Sind mir immer treu geblieben. Immer und immer schon. Endlich haben ich euch gesehen. Schade, dass es so dunkel war. Nachts am See.

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Pätschwörkzöix

29. Juni 2009

Früh (!!!) morgens auf dem Weg zum Bahnhof hat mein mp3-Player lauter Liebeslieder ausgespuckt. Hoppla.

Alles ist möglich, dachte ich. Jeder Tag besteht aus unzähligen Möglichkeiten. Jeden Morgen bin ich eine leere, weisse Seite. Doch der Rahmen des heutigen war vorgegeben: Tagung zum Thema „Empowerment“ in Zürich. Den Rahmen jedoch, oder die Stimmung darin, kann ich selber füllen. Kann mich öffnen oder verschliessen. Leben heisst in Beziehung treten. Heisst ziehen – aneinander. An mir. Schleifen, reiben, formen, Ab- und Eindrücke hinterlassen. Und sammeln.

Bilder sammeln zum Beispiel. Schreiben ist wie fotografieren. Nur authentischer. Oder weniger? Denn „Schreiben hinkt der Empfindung immer hintennach, kommt immer zu spät“, wie Rébecca gestern kommentiert hat. Wie sich das Hintennachhinken auf die Authentizität auswirkt, ist wohl von Fall zu Fall verschieden.

Nach der Tagung im Volkshaus gabs Apéro im Kanzlei (Park).  Bier. Wein. Geplapper. Habe mich – nach einer halben Stunde Small- & Mediumtalk – aus dem Staub gemacht. Im Tram zum Bahnhof fotograschriebt. Menschen sehen, hören, riechen. Lärm. Farben. Sprachen. Hitze. Schweiss. Noch mehr Lärm. (Kann mir jemand verraten, warum wir so viel Lärm machen? Ist das so ähnlich wie das Pinkeln der Hunde??? Und, ähm, bin ich auch so laut??????)

Dann Ruhe. Endlich. Raum. Ein Viererabteil für mich. Für zehn Sekunden. Eine schwangere Frau setzt sich zu mir hin. Sympathisch. Gut. Bitte sonst niemand mehr. Jaaa. Sehr gut. Im Abteil nebenan eine französisch sprechende Frau, blind, mit Sohnemann (ca. 5). Ein Schwarzer setzt sich zu ihnen. Angeregte Gespräche. Diskrete Lautstärke. Ob die blinde Frau genauso unbefangen mit dem Mann sprechen würde, wüsste sie seine Hautfarbe? Und ich?


Idealerweise vergänglich …

28. Juni 2009

beeri_small

Das Schöne am Leben ist: Alles ist vergänglich, auch Schwieriges.
Das Schwierige am Leben ist: Alles ist vergänglich auch Schönes.
(Zitat K. R.-W.)

Wie recht sie hat, meine Freundin K.

Und auch Ingo Schulze gebe ich Recht:

Das Ideal wäre, in Echtzeit zu schreiben, also über den Augenblick, den ich gerade erlebe.
(Mehr dazu unter: http://www.federwelt.de/)

Dennoch frage ich mich, ob ich gleichzeitig  erleben, wahrnehmen und unmittelbar darüber schreiben kann … jedenfalls etwas, das sich zu erzählen lohnt …? Interessiert es denn jemanden, was ich genau jetzt wahrnehme? (Beispielsweise, dass mein Po von der Fahrradtour schmerzt und dass ich das Licht anmachen sollte … )

Bleibt Schreiben – und jede andere Form von Ausdruck – letztlich nicht immer ein unvollkommener Versuch, Wahrgenommenes abzubilden um sich selber sichtbar zu machen, darzustellen?

Ist es Leerlauf, Mauldünnschiss oder was, dass jede und jeder über sich reden/schreiben will und muss? Da muss mehr dahinter stecken! Reagieren wir so auf eine gesellschaftliche Leere und Beziehungslosigkeit? Denn als eine der zentralsten Begründungen für dieses Bedürfnis sehe ich, zumindest für mich, den Wunsch danach, verstanden zu werden.

„Hallo, ihr da draussen: Hört ihr mich? Geht es euch auch so, wie ich es hier schreibe (oder singe oder male)? Versteht ihr mich?“

Möglicherweise meint Selbstdarstellung den Beginn eines Dialogs, denn jede Selbstdarstellung hat zwei Seiten. Neben der sich selber sichtbar machenden Person ist da ja auch jene Person, die die Darstellung betrachtet, liest, zur Kenntnis nimmt. Das DU!* Ein zweites wichtiges Bedürfnis hinter der Selbstdarstellung habe ich nun nebenbei erwähnt: Sich sichtbar machen. Möglicherweise anonym oder aber ganz offiziell, mit Namen und allem. Aus dem initiierten Monolg soll durch Resonanz ein Dialog entstehen, denn was nützt die schönste Selbstdarstellung ohne Publikum? (Ja, ich folgere hier, dass Publikum für Resonanz und Dialog steht!)

(Wir) ExhibitionistInnen brauchen Voyeure wie Hühner ihre Eier, auch wenn noch immer nicht klar ist, was zuerst war. Die Betrachtenden sollen der sich selber darstellenden Person rückmelden, dass sie sich in der Darstellung wiedererkennen, sie sollen ihr danken, sie sollen ihr applaudieren! WinWin-Symbiose der besten Art**, da wir alle möglicherweise auch das Bedürfnis haben, andere zu bewundern***? Sag, was mag wohl sonst noch hinter dem Bedürfnis stehen, jemanden, der sich darstellt, zu betrachten? Da ich aus eigenem Erleben beides kenne und praktiziere, kann ich nur von mir aus gehen: Ich will mich im Erleben eines anderen Menschen und im Lesen einer anderen Geschichte wiedererkennen, mich in meiner Art zu leben, zu denken, zu fühlen bestätigt fühlen: „Ich bin normal!“ denken nach dem Lesen, oder: „Ach so! Andere sind als auch so schräg!“

Natürlich lässt sich dieses Thema nicht abschliessend diskutieren, doch die Essenz hinter den Bedürfnissen beider Seiten, oder, um es globaler auszudrücken, das Grundbedürfnis hinter all unserem Tun und Lassen, scheint einmal mehr der Wunsch nach Gemeinschaft zu sein. Nach Beziehung. Nach Anerkennung und Liebe. Oderrr?

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* Person kommt von per sonare, was so viel heisst, das etwas in etwas anderem nachklingt, soniert eben
**   Art = Kunst?!
***
Diesen Aspekt der menschlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten ins Absurde zu führen, überlasse ich dir selber!

(Selbstzitat: 16.11.08, Internettagebuch)


Patenter Juli

27. Juni 2009

Jippie … Juli wird Oxnermonat!

4. Juli > Aarberg Open-Air

19. Juli > Gurten Festival


Den Goldesel oder nicht zu viel Zeit?

27. Juni 2009

Wocheneinkauf. Habe im Quartier-Bioladen D. getroffen. Als ich mit M. zusammen war, war D. bereits eine Weile mit M. zusammen, die im gleichen Haus wie M. wohnt. Die beiden M. wohnen übrigens noch immer in Hausgemeinschaft, aber D. ist nach der Trennung von M. in mein Nachbarquartier gezogen, wo ich schon damals wohnte. Gesehen haben wir uns allerdings schon lange nicht mehr.

Ich freute mich über das unerwartete Wiederzusehen, waren wir doch etwa zwei Jahre lang Wochenend-Nachbarn gewesen. Zwischen Biogemüse und frischem Käse tauschten wir angeregt über unsere aktuellen Lebensumstände aus. Auch über die Jobs. Natürlich. Seine 75%-Stelle werde demnächst auf 70% reduziert. Er wolle sich einen Zusatz-Job suchen.
Warum denn das?, fragte ich. Wegen dem Stutz kann es kaum sein, überlegte ich.
Mir wird die viele Zeit zu lang, gab er zu. Zuvor war er Teil einer Patchwork-Familie gewesen. Und so was ähnliches wie Hauswart. Heute offensichtlich noch immer Single. Logisch, dass da plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung steht, als er es lange Jahre gewohnt war. Ich bekannte, dass ich trotz meiner lächerlichen 60 Stellenprozent tendenziell immer den Eindruck von zu wenig freier Zeit hätte. Oder zu viel zu tun. Zu viele Ideen.

Es gibt zweierlei Menschen, begriff ich auf dem Heimweg. Jene, die leben um zu arbeiten und jene, die arbeiten gehen, um leben zu können. Womit wir uns vermutlich Gedanken zur Definition der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit machen sollten. Doch das überlasse ich gerne euch. Ich jedenfalls gehöre eindeutig zu zweiter Gruppe. Obwohl ich ja in der Freizeit nicht nur abhänge, sondern lebe*, will heissen vielseitig, selbstgewählt und kreativ arbeite. Meine Schreibjobs und so. (Gehöre ich also doch zur ersten Gruppe?)

Tja. So lebe, schreibe, träume, bin ich. Träumen tu ich bisweilen noch immer vom Goldesel. Er hat den Weg zu mir noch immer nicht gefunden.

Haaallooo, Eselchen, hier bin ich! Guck! Hier –  in Bern! (Jaaa, ich liebe meinen Job trotzdem!)

Da kommt mir eine meiner „Voller EinSatz**“-Geschichten in den Sinn, aus denen ich vor einem Dreivierteljahr am Kultur-Event „Zeitverschwendung“ in der Berner Altstadt vorgelesen habe.

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Eselei

Bevor sie einkaufen geht, umrundet sie das Haus, betritt den Pferdestall und nähert sich der Box von Hejoka, ihrem Esel, der, wann immer sie ihm eine Karotte oder einen Apfel hinstreckt, zuerst kurz mit den Ohren zuckt und gleich darauf mit einem lauten Furz eine Ladung Geldstücke scheisst, welche sie sorgsam und mit Gummihandschuhen aufhebt, im Salatsieb abspült, abtrocknet und in ihre Geldbörse steckt, um damit neue Karotten und Äpfel für Hejoka zu kaufen.

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* > ich schreibe, also bin ich …, also lebe ich! 😉
** =  einen Satz lange Kürzestgeschichte

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Maman est chez le coiffeur!

26. Juni 2009

Seit As it is in Heaven habe ich es nicht mehr erlebt … Das Publikum bleibt selbst nach dem Abspann sitzen. Wir beide sind die letzten, die aufstehen. Gut so, inzwischen konnten meine Tränen trocknen.

Anders als Mani Matter ist Maman Simone allerdings nicht wirklich beim Coiffeur gewesen. Doch als Ausrede taugt der Spruch ganz gut. Als Ausrede und als Selbstschutz. Von metaphysischem Gruseln und Spiegeln, die sich in Spiegeln spiegeln, blieb Simone dennoch nicht verschont.

Ein Film, dessen Plot uns, für sich gesehen, kaum ein müdes Lächeln entlockt. Ein Familiendrama mehr? Umso grossartiger die Leistung der Kanadaschweizerin Léa Pool (Regie) und Isabelle Héberts (Drehbuch). Mit unspektakulären Dialogen, die gerade durch ihre Alltäglichkeit überzeugen, mit Mimik, Ungesagtem machen sie  fühlbar, sichtbar, was WIRKLICH abgeht. Beklemmend banal, bedrückend normal, wie Kinder empfinden, was Erwachsene inszenieren. Kleine Stilmittel reichen. Maman zöpfelt Elises Haare nicht mehr. Denn Maman ist weg. Nicht beim Coiffeur, sondern von Kanada nach London gereist. Hat die Familie zurückgelassen. Wegen eines Mannes. Wie (fast) immer. Und doch immer wieder anders.

Böse Mutter? Oder böser Vater, der nach vielen Familienjahren endlich begreift, dass er homosexuell tickt und sich in einen seiner Golfpartner verliebt hat? „Ich kann deine Mutter nicht glücklich machen!“, sagt er so ehrlich wie sonst kaum je, als Elise von ihm wissen will, ob sie die Schuld daran trage, dass Maman gegangen sei.

Wie gesagt, die Haare trägt Elise seither offen. Noch ganz viel anderes ist ganz anders geworden, seit Maman gegangen ist. Doch Maman ist nicht einfach gegangen, um sich als Korrespondentin in London zu verwirklichen. In den späten Sechzigern war das noch nicht wirklich DAS Thema. Sie müsse gehen, weil sie sonst sterben würde, sagt sie ihrem Chef. Fliehen. Sich selber retten als Schadensbegrenzung. Alles andere muss warten. Die Überlebensinstinkte einer Mutter. Geht die Mutter unter, ertrinken auch alle anderen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn die Geschichte kommt ohne Wertung aus. Der Vater ist weniger schuldig als hilflos und überfordert. Seine ganze berufliche Kompetenz als Biochemiker nützt ihm nichts angesichts der Not seiner Kinder. Seine klugen Sprüche bringen ihn nicht weiter. So flüchtet er sich in die Arbeit und überlässt die Kinder mehrheitlich sich selbst. Will heissen Elise, seiner Ältesten.

Und wir? Wir sehen einfach zu. Sehen zu, wie sich Conrad, Coco genannt, in der Garage verschanzt, um endlich seine Seifenkiste zu vollenden. Ans Klavier, dieser Brücke zu seiner Mutter, setzt er sich nur noch selten. Seinen Schmerz schluckt er hinunter. Nur im Schlaf fliessen seine Tränen. Obwohl Elise stark wirkt, hat auch sie den Boden unter den Füssen verloren. Sie sucht Zuflucht am Fluss. Die (verbotene) Freundschaft zu einem taubstummen, „unheimlichen“ Fischer, der ihr das Fischen beibringt, hilft ihr, die Trennung von der Mutter auszuhalten, die ihre drei Kinder bald nach London holen will. Am schlimmsten jedoch ist es für den kleinen Benoît, der in den Augen seines leistungsorientierten Vaters, zurückgeblieben ist. Maman Simone, die wir zu Beginn des Filmes als sehr authentische, herzliche und emotionale Frau erleben, nahm den Kleinen so, wie er ist. Das liebevolle Band von Nähe zwischen den beiden wurde mit der Trennung von einem Tag auf den anderen zerrissen. Der hochsensible Bursche beginnt allerdings erst nach dem Besuch beim Kinderpsychiater wirklich damit, sich auffällig zu verhalten. Als da wären Selbstverletzungen, das Zerstören seiner Puppen, das Zerschlagen des Fernsehers, auf dem seine Mutter als Nachrichtensprecherin zu sehen ist. Wie wichtig die Mutter doch für alle ist! Wie wichtig diese allererste Beziehung eines Kindes. Der überforderte Vater ist froh, als die Ferien endlich zu Ende sind und die Kinder wieder zurück an die Schule sollen. Sollten jedenfalls!

***

Einer der besten Filme, den ich in den letzten Monaten gesehen habe. Starke Dialoge. Emotional. Klischeefrei. Authentisch. Alltäglich. Berührend. Beklemmend. Fünf Sterne. Mindestens!

Danke, K., du treuer Blogleser, für dieses Geburtstagsgeschenk. Ich habe den Abend und das Aftercinema-Bier mit dir sehr genossen.
S’het gfägt!


Die Kunst des Bloglesens

25. Juni 2009

Ihr lieben alle … Ich freue mich sehr über die persönlichen Mails, die ich in letzter Zeit erhalten habe. Voller Komplimente für mein Blog. *erröt* Doch ich stelle fest, dass die meisten von Euch kaum Erfahrung mit Blogs haben. Und deshalb eine gewisse „Berührungsangst“. Macht gar nix. Hatte ich ja auch, als ich anfing, das eine oder andere Blog zu lesen. Das Wort kommt übrigens von Weblogbuch. Ihr lest also ein gewobenes Tagebuch. Oder so ähnlich.

Es ist durchaus erlaubt, die Artikel zu kommentieren. Es freut mich sogar. Natürlich muss das üüüberhaupt nicht sein. Nein, wirklich nicht. Trotzdem sag ich euch hier kurz, wie es geht: Unter dem Artikel steht jeweils „leave a comment“. Oder die Anzahl der Kommentare, die schon geschrieben wurden. Da drauf klicken. Die ersten beiden Felder, die erscheinen, bitte ausfüllen. Am besten mit Nickname (neudeutsch für „Spitzname“), um eure Anonymität zu wahren. Es darf aber auch der richtige Name sein. Dann die Mailadresse. Und zuletzt eure Website. Wer will. Nach dem Schreiben des Textes auf „Kommentar senden“ klicken. Tut überhaupt nicht weh! Ehrlich …

Das Blog könnt ihr übrigens abonnieren. Wenn ihr im Adressfeld Eures Browsers auf das kleine RSS-Icon – ein kleines orange farbenes Viereck mit weissen Bogen drin – klickt, werdet ihr gefragt, ob Ihr ein dynamisches Lesezeichen hinzufügen wollt. Das bestätigt ihr natürlich, denn das wollt ihr ja … oderrr? So könnt ihr, wenn ihr den Browser geöffnet habt, nur kurz das Icon auf der Menüliste antippen und dann seht ihr bereits, ob Sofasophia frisch gepresst hat.

Alles klar? Bis bald in diesem Theater!