Mein Plan war einfach. Jetzt wo ich doch endlich in mir drin wieder neuen Raum hatte, wollte ich den unverplanten Samstagabend damit verbringen, mein Manuskript „Loch im Eis“ zu überarbeiten. Will heißen, damit anfangen. Irgendlink hatte es vor ein paar Monaten gegengelesen und mit feinsäuberlicher Schrift am Rand seine Tipps und Korrekturen, Bemerkungen und Vorschläge angebracht. Außerdem hat sich ein Profi, den ich angefragt habe, angeboten, meinen Roman im Januar gegenzulesen. Doch zuvor muss ich – wie gesagt – das ganze nochmals überarbeiten. Ich würde den Text zuerst mal in Papierform lesen und mit einer anderen Farbe als mein Liebster meine eigenen Bemerkungen anbringen. So viel zu meinem Plan.
Schnell war sie gefunden, die Mappe. Die vermeintliche. „Loch im Eis“ stand auf dem Umschlag. Doch darin befand sich “nur” das Roh-Manuskript, jener Ausdruck nach der ersten groben Korrektur. Doch wo steckt das richtige Ding, jenes mit J.s Korrekturen? Ich durchforstete alle möglichen Ecken meines Wohnzimmers, alle Möglichkeiten, wo ich normalerweise Texte ablege. Später auch die Unmöglichkeiten. Nicht wenige. All die Büchergestelle, all die Fächer, all die Nischen und Tablare. So viel Papier überall! So viele Sätze, so viele Wörter, so viele Buchstaben. Die Bücher mal ausgenommen!
Auf einmal packt mich die Aufräumwut. Nein, nicht -wut, -energie. Ich reiße alles raus, was endlich mal wieder gesichtet werden muss. Zuerst auf dem Boden später auf dem Esstisch: die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen. Nicht wörtlich, zum Glück. Sonst hätte ich jetzt eine Papierverstopfung. Doch einen Shredder habe ich mir gewünscht.
Keine Spur vom gesuchten Manuskript! Keine Ahnung, wo es ist. Leider hat meine Bio-Software keine Suchfunktion. Ob ich das Ding wohl bei J. liegen habe, weil ich bei ihm zuhause daran arbeiten wollte?
An meinem roten Lebensfaden bin ich innert Stunden rückwärts gebaumelt, habe mich durch die letzten zehn Jahre buchstabiert und meine eigenen Spuren gelesen. Habe gesichtet – kein Wort passt hier besser. Bilder fand ich, Notizen zuhauf, Textfragmente, Drucksachen von Kursen da und dort, Unterlagen von möglichen Ausbildungen (wo und wie wäre ich heute, wenn ich damals …?), Korrespondenz auch. Spannend, worüber ich mir vor acht Jahren Gedanken gemacht habe. Jeden Fetzen Papier, der außerhalb eines Buches in meiner Wohnung herumlag, habe ich gestern Abend in die Hand genommen. Etwa viereinhalb Stunden intensiven Eintauchen in eine Geschichte. In meine.
Spannend zu sehen, worüber ich in einem früheren Leben nachgedacht habe. Den roten Faden sehe ich deutlich, sehe meinen Kern, meine Spur, meine Essenz. Sehe, wer ich war und wer ich bin. Immer noch die gleiche und doch anders.
Ergebnis Nummer eins: Zwei fette Stapel Altpapier, die ich am liebsten Blatt für Blatt verbrennen möchte.
Ergebnis Nummer zwei: Nun hat es wieder ganz viele leere Mappen. Vorerst brauchen sie nur ein bisschen Warteraum, doch sie hungern, das spüre ich, sie hungern danach, mit neuem Zöix gefüllt zu werden. Das ich in zehn Jahren entsorgen kann.
Ergebnis Nummer drei: Halbleere Notizbücher, Makulatur, viele unbeschriebene Blätter. Auch sie lechzen gierig nach Buchstaben! Gefährliche Leere.
Das Ergebnis Nummer vier: Da sind auch ganz viele Notizen. Wörter. Sätze. Gestrandet. Angespült wie Muscheln im Sand liegen sie da. Einige mit Perlen drin, ich ahne es. Überall zwischendrin lagen sie rum.
Und jetzt? Soll ich dennoch weiterschreiben? Soll ich weiter Altpapier produzieren, das ich in zehn Jahren entsorgen werde? Damit alles schön im Kreislauf bleibt?
Eine rote Sammelmappe liegt auf meinem Schreibtisch. Mit all den vielen kleinen Buchstaben drin, den gestrandeten. Mit all den Perlen, die ich noch nicht wegwerfen wollte. Vielleicht webe ich daraus eine Wort-Collage. Ein Wörterbild aus all den Sätzen – notwendigerweise aufzuschreiben – damals, irgendwann. Bei den meisten werde ich kaum mehr wissen, was ich gemeint hatte. Dada der etwas anderen Art.
Ist nicht irgendwie auch unser Hirn so eine Art Collage?