Mein heutiger Blogartikel würde Bestandsaufnahme heißen. Wenn ich denn einen schreiben würde. Und darin käme mein Schreibtisch im Büro vor. Nein, Stopp! Besser nicht. Besser nur der Schreibtisch zuhause, das reicht. All die Papierberge überall machen mich eh ganz nervös. Überall Baustellen. Nein, das ist definitiv nicht mein Ding. Zum Glück ist es absehbar. Da muss ich einfach durch. Dennoch graut mir.
Im Gästezimmer stapeln sich die heute Abend aus dem Keller geholten leeren Kisten. Gar nicht mal so wenige. Brauchen tu ich dennoch mehr. Die Jagd nach Packmaterial geht los. Doch vor allem müssen jene gefüllten Kisten, die im Keller vor sich hin motten und in denen mein ganzer alter Krempel schläft – alte Liebesbriefe, Fotoalben, Schulhefte sogar –, gesichtet werden. Jedes Ding will betrachtet und entweder neu verpackt oder endgültig entsorgt zu werden.
Lumpensammler sind wir, sagte E., J.s Schwester am Samstag, als wir über unsere Unfähigkeit Dinge, an denen Erinnerungen kleben, loslassen zu können, philosophierten.
Es sind ja gar nicht die Dinge, es sind die Erinnerungen, sagte ich. Der Wert eines Gegenstandes wird einzig definiert durch die Hingabe, mit der wir einen Gegenstand hüten. Wir als Individuum im speziellen und wir als Gesellschaft im generellen, wir werten alles. Schrot. Geld. Kunst. Technik. Blech.
Weiter würde ich wohl den Lärm der Sirene in meinem heutigen Blogartikel erwähnen, wenn ich heute denn bloggen würde. Jener Sirenenlärm, der gestern, als ich um halb elf Uhr nachts, todmüde von der dreieinhalbstündigen Nonstop-Fahrt in Bern angekommen war, das ganze Haus erfüllte. Aus dem Keller kam er, wie ich nach kurzem Spurenlauschen herausfand. Im Heizungsraum an der Schaltzentrale leuchtete der Alarmknopf. Rot. Nur eine kleine arretierende Metallschnur hat mich daran gehindert, den Lärmknopf umzukippen. Erst versuchte ich Hauswart und Pikettzentrale zu erreichen. Irgendwann, nachdem ich alle möglichen Comboxen besprochen und eine lange SMS an den Hauswart abgeschickt hatte, stiegen meine beste Schere und ich nochmals in die Abgründe des Heizungsraumes herab. Es ging ums Überleben – sie oder ich! Also zerschnitt ich sie, die kleine Metallschnur, und kippte den Tonschalter. Stille. Endlich. Wieso nur hat das vor mir niemand getan? Bin ich die einzige, die bei diesem Lärm fast durchdreht? Können die anderen gar so schlafen?
Erst heute Morgen erfuhr ich, dass gar nicht die Heizungsmaschine zickt, sondern bloß das Frühwarnsystem. Es schlage zu früh Alarm, ohne Anlass. So sei es schon das ganze Weekend gegangen. Mensch gewöhnt sich offenbar sehr schnell an einen unerträglichen Lärmpegel. Tja. Wieso dann erst recht niemand hingeht und den Zauberschalter kippt? Nein, das Mysterium Mensch habe ich noch längst nicht verstanden.
Soll diese Story in meinem heutigen Blog wirklich vorkommen? Wenn ja, wieso? Zählt grundlos als Grund oder hat sie gar einen wenn auch geringen Unterhaltungswert, was ein halbgarer Grund wäre? Oder hat sie gar eine Lehre, eine klitzekleine? Oder vielleicht taugt sie zur Metapher, wenn ich an ihr herum feile. Wozu ich definitiv zu müde bin.
So gähne ich besser erst mal eine Runde. Nein, auch das hat keinen wirklichen Unterhaltungswert. Immerhin bin ich ja bloß wegen dieses Vorfalls zu spät ins Bett gegangen und habe schlecht und zu wenig geschlafen. Könnte das ein Grund sein, sich eine Erwähnung in einem Blogartikel zu erschleichen?
Müsste ich da nicht viel mehr von den heutigen Pausengesprächen, die sich um die horriblen Abstimmungsresultate dieses Wochenendes drehten, erzählen? Oder über den Satz meines Scheffs, dem unser Menetekeln über Atommüll auf einmal zu perspektivlos wurde: Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!
(((Schalter kippen. Und nun alle miteinander: Cheese. Geht doch ganz einfach und tut ja auch kaum weh.)))
Just in dem Moment, wo ich nebenbei im auf dem Pausentisch liegenden Tagi-Magazin Michèle Rothens ausnahmsweise lesenswerte Kolumne über das Phänomen Facebook überfliege, sagt er das. Über die Sucht, glücklich zu erscheinen, schreibt sie, die Rothen. Über die Glückexhibitionalität: Mir geht’s gut, seht her. Ich habe so und so viele Freunde, schaut nur und beneidet mich. Und dass sie, die Kolumnistin, eben deshalb Facebook meide und gar an der Kreation eines Gegenbuchs herum denke, wo jede und jeder seine traurigsten Erlebnisse und seine misslungensten Bilder reinstellen dürfe. Je unattraktiver und unglücklicher desto besser. Inklusive Button Gefällt mir natürlich. Ihr wisst schon.
Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!
Nö, ich glaube, heute gibt’s echt nichts zu bloggen, sorry, Leute.