Apostroph, du Narr!

22. März 2011

Überall mischst du dich ein. Überall gaukelst du den Menschen vor, dass hier und da und dort dein Platz sei. Sandro’s Friseurladen tut, als ob dich Sandro wirklich zum Glücklichsein braucht, obwohl er mit dem Genitiv viel besser dran wäre. Sandros Friseurladen ist doch ohne dich viel schöner! Oder PC’s statt schlicht PCs … igitt! Von dir, diesem winzigen Strichlein am falschen Ort, kriege ich Gänsehaut. Ohne dich wäre das Leben viel schöner, du närrische Kritzelei. Invasiv machst du dich breit.

Mach’s gut!, schreibt P. und winkt mir per Mail zum Abschied zu. Recht hat er. Denn hier ist bist du, du komischer kleiner Strich, sogar richtig platziert. Mach es gut kürzest du hier ab. Und das sogar korrekt, denn du bist nichts mehr als ein Platzhalter. Überschätze dich bloß nicht!

Allerdings, ich gebe es zu, ich verstehe dich. So klein wie du bist, möchtest du dich eben ein bisschen ins Zentrum rücken. Doch so richtig gut ist deine Strategie nicht. Du verführst zu Opulenz, zu Fehlern, zu falschen Schlüssen. Am hässlichsten finde ich dich in Abkürzungen. Bei den RAV’s zum Beispiel, den Regionalen ArbeitsVermittlungen, lügst du doppelt, denn bei ihnen ziehst du sogar noch ein kleines S in deinen Bann. Autsch! RAV reicht, ohne dich und ohne S.

Vielleicht müsste ich dir, damit du ein bisschen sichtbarer wirst, aber nicht auf dumme Gedanken kommst, einen roten Zettel umhängen?
Vorsicht! Vor übermäßigem Gebrauch dieses Strichleins wird gewarnt.
Dieses kleine Ding vermehrt sich invasiv und mischt sich inflationär überall ein. Subversiver Verführer zur Erhöhung der Fehlerquote.

Denn, unter uns gesagt: wir können ganz gut auch ohne dich schöne Fehler machen …


Kompetenzen

7. März 2011

Kompetenzen? Früher eins meiner Lieblingsgänsehautwörter. Ich und Kompetenzen? Nö, hab ich nicht, will ich nicht, kann ich nicht … Kompetenz riecht nach Karriere, fand ich und Karriere mag ich nicht. Also mag ich auch Kompetenzen nicht, basta. So einfach war das damals bei mir. Früher, wie gesagt. Älter werden und sein hat auch sein Gutes, denn heute mag ich es, über meine und die Kompetenzen anderer zu philosophieren.

Gestern, am Ufer des Murtensees, verstieg ich mich auf die Theorie, dass wir alle eigentlich nur über jene Dinge reden sollten, zu denen wir etwas zu sagen haben. Wo wir kompetent sind.

Eben passierten wir ein geparktes Auto, das wahrhaftig magisch das Sonnenlicht auffing und dessen Farbe sich kaum in Worte fassen ließ. Beglückt blieben wir stehen und genossen das Schimmern des Lichts und die Auflösung desselben in alle Himmelsfarben.
Was für eine wunderbare Farbe, nicht schwarz, nicht braun, eine Farbe wie …, hob Irgendlink an. Doch halt, nein, ich kann doch gar nichts dazu sagen, ich kenne mich ja mit Autos nicht aus. Hum, andererseits … hier geht’s ja eigentlich um Farben. Da wiederum kenne ich mich als Künstler aus. Darf ich jetzt was dazu sagen oder darf ich nicht?

Stell dir vor, wie still die Welt wäre, wenn wir alle nur über jene Dinge reden würden, bei denen wir uns auskennen?

Nur reden, wo wir kompetent sind.

Wie klug die Welt bald wäre! Und wie still! Herrlich.

Ja, ohne all das sinnlose, ohne als das leere Gelabber.

Politikerinnen und Sesselkleber müssten ihre Ämter niederlegen, weil sie nichts mehr zu sagen wüssten.

Gewisse Parteien würden aussterben, andere würden wachsen.

Und niemand würde einfach drauflosreden.

All die Stammtische würden verwaisen.

Das wahre Paradies …

… hm, und vermutlich na ja, versteh mich richtig, aber vermutlich wäre es uns schon bald sterbenslangweilig!


Montagmorgenwege

21. Februar 2011

Da fahr ich also – relativ gut gelaunt für Montagmorgen und mit gutem Sound im Ohr – zur Post. Nichts böses ahnend und – dank Irgendlink – seit November sogar gut beradhelmt, um gegen die Gefahren der bösen Welt und der Straße gewappnet zu sein. Wie gesagt, gut gelaunt und nichts böses ahnend betrete ich also den neuen provisorischen, weitläufigen Schalterraum, gehe zu unserem Postfach, kralle mir die Post und will wieder aus der Halle raus, als ich auf einmal von einem Schalterbeamten hinter Panzerglas blöd angemacht werde. Er winkt rum und sagt etwas, deutet auf mein Stahlpferdchen an meiner Seite, das mich bis zum Fach begleiten darf und sagt irgendwas.

Ich verstehe nix, habe ja die Stöpsel in den Ohren. Ich höre eben lieber Kristofer singen als Schalterbeamte wettern. Nett wie ich bin, nehme ich die Stöpsel raus, bereue es aber sogleich. Muss mir nämlich eine Das darf man nicht-Litanei anhören. Dass ich das Rad draußen lassen müsse, sagt er.
Wieso?,
frage ich. Da steht nirgends, dass Räder hier drin verboten sind. Ich denke an den Krug, der zum Brunnen geht, bis er bricht und dass ich insgeheim auf diesen Eklat gewartet habe, seit es diese neue provisorische Postfastanlage gibt. Was ich natürlich nicht sage. Außerdem stört das doch niemanden, sage ich stattdessen.
Oh, doch, sagt da jemand hinter mir, ein Securitasmännlein in orangem Tarn- ähm Warnanzug, das mich vorher, als es sein Postfach leerte, schon dumm angegafft hat. Und ich es klug ignoriert. Oh doch, das versperrt den Weg, sagt es.

Ich muss fast losprusten, halte mich aber zurück und tue erbost. Zwei gegen eins, ihr Feiglinge aber auch, fühlt euch stark, nicht wahr?, denke ich. Die automatische Türe ist breit, die Gänge sind breit, neben meinem Rad kommen noch vier Leute locker gleichzeitig durch die Türe, oder drei dicke. Ich schüttle nur den Kopf …

Morgen komme ich mit dem Motorrad, sagt nun der tumbe Securitastyp, der es nicht leiden mag, dass jemand etwas wagt, das er in Tat und Wahrheit selbst auch möchte, aber sich nicht traut. Selbst etwas so banales, wie mit dem Rad eine Schalterhalle zu betreten. Nein, diese Typen kann ich echt nicht ernst nehmen. Da geht’s nur um Powergames. Noch immer kopfschüttelnd verlasse ich den Raum und weiß nicht, ob ich ob dieser Bigotterie und Kleingeistigkeit weinen oder lachen soll. SVP-Wähler, denke ich. Mein Urteil ist gefällt. Genau aus solchen Menschen besteht die Wählerschaft der k…braunen Schweizer Großkotzpartei. Ein Grund um stolz zu sein ist das wahrlich nicht.

Mainstream ist Sch***, schreibt C. in ihrer Mail, nachdem sie von einem wiedergetroffenen Kollegen erzählt hat, der sich von seiner Akademikerkarriere verabschiedet hat, um endlich seinen Traumberuf zu lernen, Automech. Und nun endlich glücklich ist.


Adrenalin

16. Februar 2011

Morgen. Männer. Warnwesten. Orange. Polizei in schwarzen Buchstaben. Aufgenäht vermutlich. Autos im Schritttempo. Adrenalin im Blut der Fahrerinnen und Fahrer. Von unsern Bürofenstern aus schauen Kollegin A., der Scheff und ich zu, wie die einen angehalten, die andern durch gewunken werden. Mächtige Buchstaben auf den Westen machen Motoren langsam. Mächtige Farbe, dieses Orange.

Reize. Eindrücke. Forderungen. Sophia, kannst du bitte …? Meinst du, dass du das bis Mittag schaffen kannst? Telefongeklingel. Der Versuch, meine Notizen von der gestrigen Sitzung in einen Zusammenhang zu bringen, der andern sinnvoll erscheint. A. telefoniert nun schon bald eine Stunde. Laut. Der Scheff nebenan auch. Auch laut. Da sitze ich, eingeklemmt in die Stimmen, und versuche zu denken. Reize. Überflutung. Lärm. Der Drucker. Mittendrin ein paar stimmungsaufhellende SMS vom Liebsten. Weiterarbeit.

Mittagspause. Heimradeln. Musik im Ohr. Noch so ein Reiz. Ein wohltuender allerdings. Alleweil besser als der Lärm der Autos. Hören. Und hingucken. Augen auf. Knapp die Fußgängerin verfehlt, die ohne Fußgängerinnenstreifen die Straßenseite wechselt und mich nicht gehört hat. Die nicht geguckt hat. Muss ich denn für alle mit gucken?, grummle ich vor mich hin.

Reizüberflutung. Nachmittags noch ein paar Könntest du bitte?, die eigentlich schon keine Bitten mehr sondern Hilfeschreie sind. Um fünf fahre ich meinen Rechner runter. Genug! Im Großverteiler mit dem großen M im Namen, mit dessen Budget-Klopapier ich mir am liebsten den Po putze, hat es so viele Leute wie vor Weihnachten. Mit meinem Korb ecke ich überall an. Die andern ebenfalls. Sorry hier, sorry da. An der Kasse beichte ich, dass ich das Klopapier nicht gefunden habe, dieses ganze bestimmte. Die Schlange hinter mir wächst, ich spüre nicht sehr liebe Blicke, ignoriere sie ohne mich lächelnd dafür zu entschuldigen, dass ich Klopapier brauche. Die nette Kassiererin geht im Lager nachschauen, kommt zurück, sagt, nein, es hat keins mehr und tippt weiter, während ich, der Schlange zum Trotz, das zweitbeste hole. Ich spüre, wie gleichgültig mir die Warteschlange ist. Ausnahmsweise. Kein Adrenalin mehr. Ich kann mich nicht fremdstören. Heute nicht. Zu müde.

Mich fremdstören – Wortkreation aus dem Hause Irgendlink, letztes Wochenende.
Stört es dich eigentlich, dass mich XYZ stört?, hatte ich ihn gefragt.
Ich gestehe, sagt er, dass ich mich zuweilen fremdstöre. Für dich.
Nett irgendwie,
sage ich, aber ist nicht nötig. Kann ich ganz allein, wenns sein muss.

Leute, vergesst das gute alte Fremdschämen, österreichisches Wort des Jahres 2010. Fremdstören ist das Wort – was sage ich? –, das Gebot der Stunde! Ob du ebenfalls fremdgestört bist, erkennst du daran, dass du einen Umstand verbesserst oder zumindest verbessern oder verändern willst, von dem du denkst, dass sich jemand irgendwann daran stören könnte. Konjunktiv. Prophylaxe. Tun wir oft. Frauen mehr als Männer vermutlich. Jetzt, wo ich einen geschärften Blick dafür habe, sehe ich es überall. Wie ich mich fremdstöre. Wie sich andere fremdstören. Wir sind eine Gesellschaft voller Fremdstörenden, voller Fremdgestörten. An der Kasse, heute, war es mir egal. Ich lasse mich nicht stressen. Adrenalin-Depot leer. Punkt. Und stören können sich die anderen eh ganz allein. Wenns denn sein muss.

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(((Notiz an mich: (Warum) kann ich bloß erst, wenn ich völlig erschöpft bin, gesunde Egoistin sein?)))


Vielleicht Bestandsaufnahme

14. Februar 2011

Mein heutiger Blogartikel würde Bestandsaufnahme heißen. Wenn ich denn einen schreiben würde. Und darin käme mein Schreibtisch im Büro vor. Nein, Stopp! Besser nicht. Besser nur der Schreibtisch zuhause, das reicht. All die Papierberge überall machen mich eh ganz nervös. Überall Baustellen. Nein, das ist definitiv nicht mein Ding. Zum Glück ist es absehbar. Da muss ich einfach durch. Dennoch graut mir.

Im Gästezimmer stapeln sich die heute Abend aus dem Keller geholten leeren Kisten. Gar nicht mal so wenige. Brauchen tu ich dennoch mehr. Die Jagd nach Packmaterial geht los. Doch vor allem müssen jene gefüllten Kisten, die im Keller vor sich hin motten und in denen mein ganzer alter Krempel schläft – alte Liebesbriefe, Fotoalben, Schulhefte sogar –, gesichtet werden. Jedes Ding will betrachtet und entweder neu verpackt oder endgültig entsorgt zu werden.
Lumpensammler sind wir,
sagte E., J.s Schwester am Samstag, als wir über unsere Unfähigkeit Dinge, an denen Erinnerungen kleben, loslassen zu können, philosophierten.
Es sind ja gar nicht die Dinge, es sind die Erinnerungen, sagte ich. Der Wert eines Gegenstandes wird einzig definiert durch die Hingabe, mit der wir einen Gegenstand hüten. Wir als Individuum im speziellen und wir als Gesellschaft im generellen, wir werten alles. Schrot. Geld. Kunst. Technik. Blech.

Weiter würde ich wohl den Lärm der Sirene in meinem heutigen Blogartikel erwähnen, wenn ich heute denn bloggen würde. Jener Sirenenlärm, der gestern, als ich um halb elf Uhr nachts, todmüde von der dreieinhalbstündigen Nonstop-Fahrt in Bern angekommen war, das ganze Haus erfüllte. Aus dem Keller kam er, wie ich nach kurzem Spurenlauschen herausfand. Im Heizungsraum an der Schaltzentrale leuchtete der Alarmknopf. Rot. Nur eine kleine arretierende Metallschnur hat mich daran gehindert, den Lärmknopf umzukippen. Erst versuchte ich Hauswart und Pikettzentrale zu erreichen. Irgendwann, nachdem ich alle möglichen Comboxen besprochen und eine lange SMS an den Hauswart abgeschickt hatte, stiegen meine beste Schere und ich nochmals in die Abgründe des Heizungsraumes herab. Es ging ums Überleben – sie oder ich! Also zerschnitt ich sie, die kleine Metallschnur, und kippte den Tonschalter. Stille. Endlich. Wieso nur hat das vor mir niemand getan? Bin ich die einzige, die bei diesem Lärm fast durchdreht? Können die anderen gar so schlafen?

Erst heute Morgen erfuhr ich, dass gar nicht die Heizungsmaschine zickt, sondern bloß das Frühwarnsystem. Es schlage zu früh Alarm, ohne Anlass. So sei es schon das ganze Weekend gegangen. Mensch gewöhnt sich offenbar sehr schnell an einen unerträglichen Lärmpegel. Tja. Wieso dann erst recht niemand hingeht und den Zauberschalter kippt? Nein, das Mysterium Mensch habe ich noch längst nicht verstanden.

Soll diese Story in meinem heutigen Blog wirklich vorkommen? Wenn ja, wieso? Zählt grundlos als Grund oder hat sie gar einen wenn auch geringen Unterhaltungswert, was ein halbgarer Grund wäre? Oder hat sie gar eine Lehre, eine klitzekleine? Oder vielleicht taugt sie zur Metapher, wenn ich an ihr herum feile. Wozu ich definitiv zu müde bin.

So gähne ich besser erst mal eine Runde. Nein, auch das hat keinen wirklichen Unterhaltungswert. Immerhin bin ich ja bloß wegen dieses Vorfalls zu spät ins Bett gegangen und habe schlecht und zu wenig geschlafen. Könnte das ein Grund sein, sich eine Erwähnung in einem Blogartikel zu erschleichen?

Müsste ich da nicht viel mehr von den heutigen Pausengesprächen, die sich um die horriblen Abstimmungsresultate dieses Wochenendes drehten, erzählen? Oder über den Satz meines Scheffs, dem unser Menetekeln über Atommüll auf einmal zu perspektivlos wurde: Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!

(((Schalter kippen. Und nun alle miteinander: Cheese. Geht doch ganz einfach und tut ja auch kaum weh.))) 

Just in dem Moment, wo ich nebenbei im auf dem Pausentisch liegenden Tagi-Magazin Michèle Rothens ausnahmsweise lesenswerte Kolumne über das Phänomen Facebook überfliege, sagt er das. Über die Sucht, glücklich zu erscheinen, schreibt sie, die Rothen. Über die Glückexhibitionalität: Mir geht’s gut, seht her. Ich habe so und so viele Freunde, schaut nur und beneidet mich. Und dass sie, die Kolumnistin, eben deshalb Facebook meide und gar an der Kreation eines Gegenbuchs herum denke, wo jede und jeder seine traurigsten Erlebnisse und seine misslungensten Bilder reinstellen dürfe. Je unattraktiver und unglücklicher desto besser. Inklusive Button Gefällt mir natürlich. Ihr wisst schon.

Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!

Nö, ich glaube, heute gibt’s echt nichts zu bloggen, sorry, Leute.


Die Wahrheit über Sünde und Sühne

25. Dezember 2010

In der einen Schale der Waage lagern wir all das, was nicht so ist, wie wir es uns gewünscht haben. Die bösen Worte etwa, die wir sagen, wenn uns jemand unter Druck setzt. Oder waren es Gedanken? Gedanken nur? Es war ja auch nicht böse gemeint, das weißt du doch? Dennoch liegt es in der Waagschale. Mit all den andern Dingen, die zwischen Soll und Ist stehen. Nicht wenig. Ablasshandel war schon immer ein gutes Geschäft – heute nicht weniger als früher!

Die zweite Waagschale, um Ausgleich bemüht – was auch die erste wohl genauso anstrebt –, hortet gute Taten, gute Worte und gute Gedanken. Der Balken in der Mitte heißt Gewissen. Gute Einrichtung irgendwie. Simple Rechnerei führt zur Erkenntnis, dass wer nichts Böses tut, auch nichts Gutes tun muss. Am besten also Nichtstun? Da aber Müßiggang auch als Sünde geahndet wird, kann das auch nicht funktionieren. Nicht Nichtstun ist Tun. Sobald wir jedoch etwas tun, füllen wir eine der beiden Waagschalen und der Stress geht von vorne los. Eine ganze Gesellschaft in der Ablasshandelsschule? Dazu ein dicker Ablasshandlungen-Versandkatalog.

Was da wohl hilft? Vermutlich nur eins: Pilgern!

;-)


Mein Monster und ich

30. November 2010

The Dark

I don’t think I will manage to get out of this dark.

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Mein Monster hat viele Namen. Meistens nenne ich es Dark. Selbst nennt es sich am liebsten Dark Mirror.

Jenes von Kuno Lauener, Züri Wests Frontmann, wohnt ganz zuoberst im Dachstock in der winzigsten Kammer in seinem Schädel. Meins hält sich am liebsten irgendwo in meinen Landschaften zwischen Herz, Bauch und Kopf auf. Dort spaziert es umher wie ein guter alter Hauswart und sucht nach Schwachstellen. Mit einem Schraubschlüssel klopft es an den Leitungen. Wo ist etwas verstopft? Wo braucht es Reparaturen? Wo sind die lockeren Schrauben?

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne. Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen. Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne. Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe. Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse. Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst. Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich weder mit Samthandschuhen an noch schont es mich vor unbequemen Erkenntnissen. Es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Es weiß nicht nur besser, was ich brauche, es weiß vielleicht sogar besser als ich, wie ich überhaupt ticke, denn mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange.

Das erste Mal wahrgenommen habe ich es wohl, wo ich die zwischenmenschlichen Games zu durchschauen begann. Wo ich begriff, was ich sagen müsste um dazuzugehören. Mein Monster ist Gewissen und ist Mentalcoach in Personalunion.

Wer war zuerst da?, fragte es mich heute Morgen stinkfrech, nachdem es mich bereits um vier Uhr früh geweckt hatte. Du oder ich?

Dass ich danach nicht mehr schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise ging es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündete es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellte eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier wachzuliegen und W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews.

Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich selbst, Stunden später im Büro. Kann vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archive abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben dem Schredder und verwandle Bewerbungskopien, die nicht mehr gebraucht werden, weil wir meine Nachfolgerin heute bestimmt haben. Wunderbare Verwandlung von Papier in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich, die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte bloß diese Maschine sich nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.

Mein Monster und mein Schredder sollten sich echt mal zusammensetzen …


besser

17. November 2010

Wie du dich als besserer Mensch fühlen kannst? Du sagst einfach zu deinen Mitmenschen: Ich lasse dir den Vortritt!

Das fühlt sich gut an!, sagst du. Grad so, als seiest du eine besserer Mensch.

Und ich? Ich gebe sie dir gerne, diese Gelegenheiten. Zum einen, mir den Vortritt zu lassen und zum anderen, dich danach als besserer Mensch fühlen zu können. So fühle ich mich auch gleich besser. Als besserer Mensch sozusagen. Und das nur, weil ich dir die Gelegenheit gab, mir Gutes zu tun, indem ich auf das Privileg, dir den Vortritt zu lassen, verzichtet habe. Hach, wie schön es doch ist, sich gemeinsam als bessere Menschen zu fühlen.


Falls ich würde

7. November 2010

Sofasophia: Was ich heute wohl bloggen würde, falls ich bloggen würde …
Irgendlink: Du wirst es nicht lassen können.
Sofasophia: Nö, nur wenn mir was bloggenswertes einfällt.
Irgendlink: Was immer das heißt.
Sofasophia: Dieser Dialog zum Beispiel? *lach* Ich blogge doch einfach dieses Gespräch …
Irgendlink: Wer will schon unseren Nonsense lesen? … müsste da nicht noch was dramatisches vorkommen?
Sofasophia: … wie ein Rasenmäher zum Beispiel?
Irgendlink (grinst schief): Genau.
Sofasophia (zwinkert): Oder wie wärs mit Schneeflocken?
Irgendlink: Och, das ist den Leuten bestimmt zu langweilig. Obwohl … es kommt wohl drauf an, wen du damit ansprechen willst.
Sofasophia: In Saudiarabien ist Schnee sicher spektakulärer als ein Rasenmäher …
Irgendlink: Da hast du wohl recht, aber ich weiß was besseres: ich könnte doch in den Keller gehen, nach dem Holzvorrat gucken und dabei dem Rasenmäher gute Nacht sagen. Du bloggst, dass ich zum letzten Mal gesehen wurde, als ich zum Rasenmäher gehen wollte. Damit hättest du gleich zwei Fliegen auf einen Schlag! Einen Artikel mit Rasenmäher, der – wie ja alle Bloglesenden wissen – jeden Artikel aufwertet und einen Cliffhanger, der deine Lesenden packt. Genau dort hörst du mit schreiben einfach auf.
Sofasophia: Nö, bestimmt nicht so. Du nicht! So ein Ende hast du nicht verdient, mein Liebster! Da schreib ich lieber, dass du vor dem Tatort gucken, nach draußen gegangen seiest um zu schauen, ob es womöglich hier unten auch schneie. Wie heute, oben auf dem Lukmanier, wo wir uns beide fast den Tod geholt haben.
Irgendlink: … bin gleich wieder da …
Sofasophia: Wo wohl diese vermaledeite Fernbedienung steckt?


Wettbewerb

2. November 2010

Da war dieser Artikel, neulich, in der wöchentlich erscheinenden Konsumentenzeitung, die das Große M herausgibt. Nein, kein Artikel wars, sondern der Aufruf zu einem kreativen Wettbewerb. Einem weiteren kreativen Wettbewerb. Einem von den vielen, die es neuerdings überall gibt. Musikalische oder andere Projekte sind gefragt. Es lebe die Kunst. Fotowettbewerbe, Schreibwettbewerbe … Der Individualität und Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Bring deins! Und weiter geht’s nach dem Motto, wer sich am besten selbst darstellen UND am meisten Stimmen fischen kann. Das Publikum soll entscheiden, wer gewinnt. Wir. Die Macht der Basis. Wer‘s glaubt. Ich bezweifle, dass der oder die beste gewinnt, denn letztlich geht es vor allem darum, wer am meisten Fans sammeln kann. Wer sich am besten verkaufen kann. Wie im richtigen Leben. Was sage ich da? Wie? Das IST das richtige Leben!

Und wir sind alle nett zueinander und klopfen uns auf die Schultern. Solange zumindest bis wir uns gegen eine Konkurrenz behaupten sollen. Immer und überall. Selektion. Auslese. Autsch. In der Wochenzeitung des Großverteilers mit den vier orangen Buchstaben war heute von einem Kindercasting für ein Musical die Rede. Hach, diese hübschen Mädchen aber auch! Nicht größer als einsvierzig dürfen sie sein. Und singen müssen sie können. Und das taten sie. Mit großen Hoffnungen. Vor der Jury und vor laufenden Kameras. Wie sie sich wohl fühlten? Voller Träume. Große Träume, rosa Träume. Träume von Ruhm und Ehre, von Anerkennung … tja.

Selbstdarstellung – dein Name ist Illusion.

Ich sei bloß frustriert, weil ich selbst keine sehr gute Selbstdarstellerin sei? Nein, glaube ich nicht, denn ich will ja auch keine gute Selbstdarstellerin sein. (Notiz an mich: Falle ich bloß nur immer wieder in die Falle der Selbstverars..ung?)

Schnitt.

Nun treffen täglich neue Bewerbungen ein. Meine Stelle ist zu haben. Und sie scheint begehrt zu sein. Ebenfalls täglich erhalte ich Mails und Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die meine Kündigung für Ende März sehr bedauern. Ein schöner Verlust, meinte Kollege A.. Dennoch beglückwünschen mich alle zum Mut zum neuen Schritt und wünschen alles Gute (nein, mehr verrate ich hier noch nicht).

Mein Scheff leidet und betont bei jeder unpassenden Gelegenheit, dass ich unersetzlich sei. Und wie! Und dass die Neue bestimmt nicht … so wie ich … Nein, das wird sie nicht. Sage ich. So nicht, aber anders, anders gut. Sage ich ebenfalls. Keine wird mich so gut verstehen, sagt er, so gut wie du. Ich grinse. Männer!, denke ich.

Ooops, also doch. Selbstdarstellerin, ich, was zu beweisen war.

Dabei wollte ich doch bloß von diesem Wettbewerb in der Konsumentenzeitung vom Großen M erzählen. Da sollen nämlich wir weichgekochten Konsumenten (Frauen vermutlich auch mit gemeint, wie ich mal annehme) ein neues Produkt erfinden. Cleverer Trick, echt clever. Hut ab vor diesen Werbefuzzis. Da dürfen wir alle also neue Bedürfnisse erfinden! Jippie, was für eine Ehre! Und wir dürfen auch gleich noch das Produkt dazu erfinden, um den neugeschaffenen Hunger zu stillen. Einen Hunger, notabene, der noch nie da war. Clever, wirklich, die Typen. Und die Erde dreht sich doch.

Konsumenten (Frauen wohl auch mit gemeint), rufen sie, wenn ihr wacker weiterkonsumiert, dreht sie sich immer schön weiter (und wir merken dabei gar nicht, dass wir alle vor die Hunde gehen).

Wer hat da “Wir wollen ja bloß deine Seele!” geflüstert?

Tja, da möchte ich doch glatt ein tolles Produkt erfinden, dass es noch nicht gibt. Ein Serum, das uns hilft, wirklich zu leben, wahre Emotionen und Bedürfnisse zu fühlen, klare Gedanken zu denken und sich selbst treu zu sein. Genau. Doch die Zutaten dazu gibt weder im Großen M noch im orangen Vierbuchstaben. Unbezahlbar sind sie. Und ganz und gar kostenlos …


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