Die Autorin Leena Lehtolainen kannte ich bisher nur als Autorin der finnischen Krimis um die Kommissarin Maria Kallio. Darum hatte ich mir dieses Buch hier, “Du dachtest, du hättest vergessen”, wohl auch im Brockenhaus oder im Antiquariat geschnappt. Doch woher ich es habe, ist eigentlich egal. Es stand jedenfalls schon eine ganz Weile in meinem Bücherregal. Gestern, als ich ein bisschen aufräumte, fiel es mir in die Hand. Der Titel rührte mich, lebe ich doch zuweilen auch in der Illusion, dass Vergangenes vergangen ist und keine Schatten mehr in die Gegenwart werfen sollte.

Katja, die knapp dreißigjährige Hauptprotagonistin erzählt, wie sie nach der Beerdigung ihrer Großmutter auf einmal anfängt, zu hinterfragen, wie es denn damals wirklich war. All das Vergessengeglaubte. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren hatte ihr Onkel Rane seinen Vater im Suff erschlagen. Im Suff alle beide und über Vaters Tod war niemand sehr traurig gewesen. Im Gefängnis hatte Rane sich kurz darauf selbst umgebracht, was als Schuldeingeständnis galt. Zeugen gab es keine. Was war wirklich geschehen, damals, in jener Nacht?
Katja, ihr wenige Jahre jüngerer Bruder Kaitsu, Veikko, ihr Onkel, Sara, ihre Tante und Sirkka, ihre Mutter, erzählen abwechselnd, in Ich-Form, aus ihrem Alltag. Will heißen, als Leserin höre ich ihren Gedanken zu und erhalte so Einblick in ihr Leben und in ihre Gefühlswelt.
Katja, die es kaum schafft, ihren Platz in der Welt zu finden, noch immer an der Magisterarbeit als Musikwissenschaftlerin sitzt und Gesangsstunden nimmt, während Gleichaltrige bereits doktoriert haben, ertränkt und betäubt ihre Leere und ihre Beziehungsunfähigkeit mit Alkohol, Tabletten und Fressattacken. Ihr Bruder Kaitsu, dessen Internetfirma Konkurs gemacht hatte, bringt sich nun als Taxifahrer durch und ist vorübergehend wieder bei Sirkka untergekommen. Mit seiner Tablettensucht und einer latent aggressiven Intoleranz und seinem Zynismus wirkt er sehr unzufrieden. Auch er lässt, obwohl er offensichtlich sehr attraktiv ist, niemanden wirklich an sich heran. Der Vater der beiden ist kurz nach Kaitsus Geburt verschwunden. Was er im Leben wirklich will, weiß er selbst nicht. Dass seine Schwester und seine Tante Sara neuerdings wieder in den alten Geschichten wühlen, beunruhigt ihn trotz der Distanz zwischen ihm und den anderen.
Sara, die Femme fatale der Familie, als die sie sich gerne sieht und inszeniert, ist im Grunde eine suchende, tiefst unglückliche Frau, die sich nicht nur als Dramaqueen gibt, sondern auch als stets Hilfsbereite und Aufopferungsbereite. Im Grunde dreht sie sich jedoch nur um sich selbst. Die Beziehung zu ihren Geschwistern könnte kaum ambivalenter sein. Ihre Schwester Sirkka ist die nach außen hin Stabilste. Ihr wird nachgesagt, sie sei gefühlskalt. Vielleicht hat sie es einfach nur am besten geschafft, ihre Gefühle so zu handhaben, dass sie nicht mehr grübeln und nachdenken muss. Sie lenkt sich mit den Geschichten anderer ab und büßt die Verfehlungen ihres Lebens – zum Beispiel ihre Überforderung als junge Mutter – indem sie sich für ihren Sohn aufopfert. Als jedoch Sara eines Tages mit der Theorie kommt, sie beide und Katja seien vom Vater sexuell missbraucht worden, wird es Sirkka zu viel und sie distanziert sich von ihrer Schwester. Veikko, der mittlere Bruder, verschanzt sich gerne hinter seiner Intellektualität und Abgeklärtheit und seinem Zynismus. Als erfolgreicher Autor wirkt er unnahbar und kühl. Erst allmählich sehe ich als Lauscherin hinter seine Fassade.
Seltsamerweise sind die Antiheldinnen und -helden, die Lehtolainen hier zeichnet, am Anfang beinahe unsympathisch. Und alle irgendwie krank. Psychos. Leer und hoffnungslos. Ich schaue ihnen eine ganze Weile zu, bis ich anfange, mich in ihnen wiederzuerkennen. Meine eigenen Schräglagen spiegeln sich in ihren.
Ein Geschichte ist dann gut erzählt, las ich mal, wenn wir beim Lesen vergessen, auf die Worte und die Sprache zu achten. In der letzten Zeit hatte ich grad ein paar Bücher, ausgeliehene, die ich genau aus diesem Grund nicht fertig lesen konnte. Die Sprache hielt mich auf, obwohl mich der Plot interessiert hätte.
Hier nun ist es genau umgekehrt, denn eigentlich geschieht hier nicht viel. Alltägliches nur. Hier mal ein Absturz, ein Vollrausch bei Katja, weil sie vor der ersten Vorlesung, die sie halten sollte, so nervös war, dort eine Eskalation zwischen Sara und Sirkka. Dann Kaitsu, der von einem Fahrgast verprügelt wird und Veikko, der einen kleinen Hund kauft. Alltägliches geschieht. Die Sprache, der Erzählstil ist in den Hintergrund gefallen. Als Zuschauende, als Lauschende, gehen wir einfach Schritt für Schritt weiter und Schicht um Schicht tiefer. Ein umfassender Kennenlernen geschieht, ein besseres Verstehen der Zusammenhänge und Beziehungen.
Eindringlich. Beklemmend. Keine leichte Kost jedenfalls.