Vorhang

26. März 2011

Frühmorgens. Schon wach. Der große Tag. Am Nachmittag kommen die Umzughelfenden und wir füllen gemeinsam den LKW, den J. am Montag vollgepackt über die Grenze fährt. Doch heute und bis dahin ist noch viel zu tun.

Heute Abend dann dies hier, lange Wochen vorfreudig erwartet:

Büne ist Meccano Destructif Commando. Zwei Monate lang. Und heute in meinem Lieblingskulturraum. Was für ein Schlussbouquet!

Mehr dazu unter: http://www.buenehuber.ch/

Doch vorher heißt es in die Hände spucken :-)


deshalb

25. März 2011

Im Straßenverkehrsamt sitzend auf die neuen Autonummern zu warten ist eins. Dies aber im Wissen zu tun, dass ich mit zwei Nummernpaaren statt einem das Amt verlassen werde, lässt mich grinsen.

Mein Auto gehört ab heute offiziell meinem Lieblingsbruder, wir teilen es uns aber. Offiziell. Die alten Nummern, vor Jahren von meinem Garagisten für die Ewigkeit und einen Tag mit Schrauben befestigt, kann ich vor dem Amt trotz massivem Kraftaufwand nicht entfernen. Trotzdem bekomme ich die neuen samt Ausweis ausgehändigt. Geht also doch!

Und natürlich muss ich die alten subito zurückschicken. Aber so kann ich bis zuletzt meine Parkkarte verwenden, super! Rostseidank …

Meine Entsorgungstour hat mich bei meiner Lieblingskioskfrau anhalten lassen. Sie kauft neuerdings Bücher an und verkauft sie weiter. Etwa einen Drittel bin ich los und um ein bisschen Bargeld reicher. Ihrem Bekannten, der sich in zwei Bücher verliebt hat und ihr habe ich gleich noch privat ein paar Bücher geschenkt. Win-win für alle.

Wohin nun mit den Blumentöpfen? Die wolle niemand, sagte die Frau von der Friedhofsgärtnerei. Hm. Wegwerfen? Umziehen?

Kleine Probleme, die ich da habe.


Frage des Tages I

18. März 2011


ewig leben lieber nicht

17. März 2011

Mir Träumen erlauben und sie erfüllen. Wer weiß schon, wie lange ich noch lebe, dachte ich als ich vor zwei Stunden über den Friedhof spazierte. Seit siebeneinhalb Jahren gehe ich hier regelmäßig vorbei. Früher häufiger. Das Grab meines Sohnes – in mitten all der anderen Kindergräber – ist mir ein tröstlicher Ort der Ruhe. Nach einem sehr arbeitsreichen, sehr anstrengenden und auch irgendwie sehr befriedigenden Arbeitstag – der am Nachmittag eine Sitzung mit einer junger Flüchtlingsfrau beinhaltete, die im hintersten Dorf inmitten der sanfthügeligen Landschaft des tiefsten Emmentals wohnt –, gönnte ich mir eine kleine friedhöfliche Auszeit. Morgen bin ich krankgeschrieben. Mein Kreislauf rotiert und kommt kaum mehr zur Ruhe. Wenn ich jetzt nicht die Bremse ziehe, weiß ich auch nicht, wie ich die nächste Woche überleben soll. Das große Event, auf das hin wir seit Monaten arbeiten, wird endlich – am Mittwoch – Wirklichkeit. Und am Tag danach feiere ich meinen Büroabschied. Zwei Tage später laden wir den Umzugswagen. Vier Tage später ist Bern Vergangenheit. Wirklichkeit dies alles? Oder nur ein paar Ideen im Kopf? Wer weiß schon, was morgen ist?

Sich Träume erlauben. Ihre Erfüllung zulassen. Angesichts des Super-GAU in Japan vielleicht die einzige Alternative zu leben, sagte Irgendlink sinngemäß. Gegenwart ist die einzige Wirklichkeit.

Auf dem Friedhof ist ein weiteres Feld erneuert worden. Wie viele Grabkreuze habe ich in den letzten siebeneinhalb Jahren verschwinden sehen? Und wieder sind viele alte Kreuze und Grabsteine entfernt und viele über zwanzig Jahre alte Gräber ausgehoben worden. Nun ist von den Menschen, die einst unter Tränen dort begraben worden sind, nichts mehr da. Selbst die Knochen wurden, gemeinsam mit vielen anderen Knochen, dem endgültigen Zerfall überlassen und werden wieder zu Erde. Nichts ist mehr da. Oder endlich alles. In homöopathischen Dosen. Im Wasser, in der Erde, wie gesagt, und in der Luft. Und in hundert Jahren sind auch meine Knochen Erde, habe auch ich mich aufgelöst. Ganz ohne SuperGAU. Nein, das meine ich nicht zynisch. Ein Fakt. Ein Trost sogar. Irgendwie. Und eine befreiende Erkenntnis

Mit ihr ging es sich auf einmal ganz locker durch die Gräberreihen. Was rackere ich mich auch ab? Eines Tages ist ja eh nichts mehr da. Von mir nicht und von niemandem mehr. Kein Stress mehr und keine Sorgen. Kein Leid und kein Schmerz. Und auch kein Lachen mehr. Kein Garnix. Wozu also sich sorgen?

Da war doch dieser Tage jenes Gespräch über ein möglichst langes Leben?
Nein, ich will nicht möglichst lange leben, aber glücklich!, hatte ich gesagt. Genau. Alle meine Lebensträume drehen sich um ein glückliches und sorgloses Sein. Zufriedenheit. Nicht in Saus und Braus muss ich leben, sondern im Frieden mit mir selbst. Dazu umgeben von Menschen, die ich mag und wo Liebe, Freundschaft und Respekt im Zentrum stehen. Außerdem jederzeit bereit zu gehen. Mir meiner Vergänglichkeit bewusst.

Ein schöner Traum. Idealistin, die ich bin, ewige.

(verfasst am 16.3., abends)


Von Übergängen und anderem Überzöix

3. März 2011

Übergänge wäre ein guter Titel. Oder genug. Nein, eher zu viel. Womit wir doch wieder bei den Übergängen wären, die sich irgendwo zwischen genug und zu viel im Niemandsland aufgebaut haben. Zollposten gleich.

Zwischen den rotweißen Balken stehe ich irgendwo. Zwischen drin. Weder innen noch außen. Noch nicht drüben und nicht mehr hier. Wie in einem der Lieder meiner Lieblingsband. (Nonid u schonümm, Seite 4) Kaum auszuhalten sind solche Phasen und mein Körper reagiert mit Erschöpfung. Seit vier bin ich wach. Das laut und schnell klopfende Herz ließ sind auch mit Baldrian nicht beruhigen. Um halb sechs, nach anderthalb Stunden mich hin- und herwälzender Unruhe, griff ich zum Krimi und konnte mich so zum Glück ein bisschen ablenken. Ablenken von all den Pflichten, die mich im Büro erwarteten. Zu viel. Zu viele Pflichten, die mir einerseits mein den Urlaub genießender Scheff aufgetragen hat, andererseits Pflichten, die zu meinem Alltagsjob gehören und dann auch solche, die mit meiner Funktion als Mitglied der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit zusammenhängen. Nicht zuletzt mein Anspruch von Perfektionismus. Besonders in Bezug auf die Übergabe meiner Aufgabenbereiche an meine Nachfolgerin, die vor drei Tagen angefangen hat.

Die Zeit, sie rennt. Sagen derzeit alle. Überall. Schreibt Irgendlink. Oder sie versteckt sich vor mir und macht sich klein.

Alles baut sich auf, scheint es mir, alles spitzt sich zurzeit zu, der Spannung vor einem Gewitter gleich. Alles verdichtet sich in meinem Leben und fokussiert das Monatsende. Das Finale in Bern. Täglich schieben sich neue ToDos in meinen eh schon ziemlich vollen Kalender. Dazu wollen mich liebe Freundinnen und Freunde nochmals sehen und Abschied nehmen. Und ich natürlich auch von ihnen. Mir ist, als würde ich nach Australien auswandern, nicht bloß in die Pfalz. Was im Grunde nicht viel weiter ist als in die Süd- oder Ostschweiz. Nur eben über die Grenze. Und das ist doch ein ziemlich großer Schritt, zugegeben.

Obwohl. Grenzen überschreite ich zurzeit täglich, meine ganz persönlichen. Nicht immer zum guten, leider, denn meine eigenen Ressourcen kommen kaum nach sich zu erneuern. Ich gestehe, ich fühle mich überfordert.
Wie eine Decke, an der alle ziehen,
sagte ich heute zu Kollegin M., meiner Nachfolgerin. Mein Körper bremst mich aus. Fieber, seit heute Morgen, nicht hoch, aber doch genug, damit ich begreife, dass ich entschleunigen muss. Zum Glück habe ich drei Tage frei.

Heute eine Einladung zum Mittagessen bei Freundin C.. Soll ich absagen? Mit Fieber werde ich keine tolle Besucherin sein, überlege ich ihm Büro. Nein, halt, ich will C. sehen!, entscheide ich und radle los. Zu spät zwar, aber besser als nie.
C., du hast mir das Leben gerettet!, sage ich ein paar Stunden später, beim Abschied. Little-F., der kleine Strahlemann und seine Mama winken zum Abschied. Mein mentales Gleichgewicht ist trotz des Fiebers wieder im grünen Bereich.

Heißes Bad, Grog, schlafen … hilft alles zusammen ein bisschen. Doch noch dröhnt der Kopf. Noch bin ich zu aufgekratzt um loszulassen. J. kommt heute Nacht, will in den nächsten fünf Tagen das Bern-Meisterwerk vollenden. Und mich sehen auch, natürlich, und ich ihn. Trotz meiner Erschöpfung, die sogar Vorfreude frisst.

Grad wünsch ich mir nichts sehnlicher als das ganze Überzöix wie Pflichten im privaten und im Berufsleben einfach wie eine Schlangenhaut auszuziehen, abzulegen und mich fallen zu lassen.


Bern aufgeräumt. Nähen.

26. Februar 2011

Das Stück rückt näher, während wir westwärts radeln, das kleine Stück Terra incognita. Wir befinden uns auf den Spuren der Straßen, die J. auf seinen vielen Kunst- und Straßenbilder-Sammeltouren in Bern links liegengelassen hat. Dass da klitzekleine Sträßchen dabei sind, leuchtet ein und dass es mich daher sehr interessiert, ihn zu begleiten, ebenfalls. Wie spannend, ganz neue Winkel in meiner Stadt zu entdecken, die ich doch, wenn ich alles zusammenrechne, seit fast zehn Jahre bewohne. Auch heute, wo wir eine ähnliche Straßennamensammelaktion im Weissenbühl- und im Fischermätteli-Quartier unternehmen, wird mir mein Halbwissen nur zu gut bewusst. Was sage ich da: Halbwissen? Bestenfalls Viertel- , Achtel- oder Mini-Wissen! Fällt mir unterwegs ein, dass Luisa Francia neulich gebloggt hat, dass ihr Leute zuweilen Halbwissen unterschieben. Sie bedankt sich dann herzlich, ist doch Halbwissen schon ganz schön viel. Recht hat sie.

Hätte ich Berner Halbwissen, könnte ich ganz schön stolz auf mich sein. Habe ich aber nicht. Ich kenne im Grunde genommen nur viele einzelne Flecken auf der Decke. Ich kenne Plätze, aber kaum Straßen. Doch genau diese, vor allem die Querstraßen und die kleinen Sträßchen sind die Fäden im Gewebe und Gespinst des Stadtplans.

Gestern und heute habe ich Verbindungen geschaffen und ein paar einzelne Stoffstücke mit anderen vernäht. Ich habe neues in der alten Stadt entdeckt und begriffen, dass Bern mich immer wieder neu überraschen kann.

Wann kenne ich eine Stadt? Wann kenne ich einen Menschen? Nein, darauf kenne ich die Antwort nicht und eigentlich ist es mir ganz recht, dass Bern noch immer Terra incognita für mich bereithält.

Bilder folgen (vielleicht). :-)


Laut gedacht

24. Februar 2011

Packen hat ja auch was von Bloggen, kommentiert U. gestern mein Blog. Packen ist in der Tat wie Bloggen eine Form, sein Leben Revue passieren lassen. Und ich setze mich zurzeit wirklich sehr intensiv mit meiner Vergangenheit auseinander. Das alles hier in meinen Regalen bin ich. Und war ich. Doch ich bin noch mehr. Wie ich gestern Abend auf dem Sofa alte Briefe lese – statt Kisten zu füllen – und an all die wunderbaren Menschen denke, die ein kurzes oder längeres Stück Leben mit mir teilen oder geteilt haben, wird mir einmal mehr der Wert von Freundschaften bewusst und auch, wie lieb ich anderen Menschen offenbar bin.

Werde ich in der fremden Pfalz ebenso leicht anwachsen wie meine Linde, die Jahre lang auf meinem Balkon in einem Topf lebte und nun schon seit einem halben Jahr auf Irgendlinks Wiese prächtig gedeiht?, frage ich mich schweren Herzens. Werde ich auch in der Pfalz Menschen finden, die ein bisschen wie ich ticken? Menschen, die nicht einfach schon da sind, weil sie mit J. befreundet oder verwandt sind. Obwohl ich J.s Freunde, Freundinnen und Verwandte alle sehr mag, wünsche ich mir – wie hier in Bern –  ein paar eigene Leute.

((Notiz an mich: Können andere das verstehen? Haben andere dieses Bedürfnis nach eigenen Freundes- und Freundinnenkreis eigentlich auch? Wie wichtig ist mir, dass das verstanden wird?))

Eines der Geheimnisse von guten Beziehungen ist nämlich, dass beide Menschen ihre eigene Dinge tun und lassen, ihre eigene Wege gehen und nicht immer alles teilen, dass sie sich Raum geben und Raum nehmen. Das allgemein richtige Maß von genug Gemeinsamkeit und genug Eigenem gibt es zwar nicht, will heißen, es ist höchst individuell, doch ahne ich, dass J. und ich unser Maß wohl ziemlich gut gefunden haben.

((Noch eine Notiz an mich: Ob ich wohl eine neue Kategorie „laut gedacht“ für Artikel wie diesen hier eröffnen sollte? Doch wen mag sowas interessieren?))

Warum schreibst du eigentlich nicht mehr Details über eure Beziehung? Oder auch über Erotik?, hat neulich jemand gefragt, als wir über mein Blog ausgetauscht haben.
Tja, habe ich gesagt, ich lese so Sachen zwar bei anderen gerne … aber … nein, lieber nicht … das ist mir zu persönlich.

Widerspruch? Denn wäre mein Blog nicht persönlich, hätte ich keine Lust zu schreiben. Und hätte ich überhaupt LeserInnen, wenn mein Blog nicht irgendwie persönlich wäre? Ist es nicht das Persönliche, das uns voyeuristische LeserInnen anzieht und uns Schreibende zu unseren Buchstabenpirouetten verführt? Aber der Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich überall gern selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter, sagte Goethe schon vor vielen Jahren und zitiert Blogkollege AxeAge in seinem Printlog mit ebendiesem Titel.

Was für ein Balanceakt! Innenschau.

Außenschau: Nebenan sitzt Irgendlink und studiert den Berner Stadtplan. Mit der Unterstützung seines Rechners, der alle Straßennamen-Schilder Berns weiß, die J. für seine Kunstsammlung bereits fotografiert hat, sucht und markiert er die noch unerforschten Quartiere und Straßen. Auch Irgendlinks Countdown läuft. Er ist das letzte oder zweitletzte Mal bei mir in Bern. In einem Monat ziehen wir um. Puh.

Nein, laut gedacht ist wirklich kein schlechter Titel. Und auch als Schlusssatz nicht zu verachten.


Das Haus im Haus und die Katze auf der Maus

12. Februar 2011

Rätsel über Rätsel …Warum die Mietz ausgerechnet jetzt, wo ich meinen alten Laptop, den Kollege D. neulich repariert hat und den ich nun mit Updates ab externer Festplatte füttere, warum also die Mietz ausgerechnet jetzt dicht neben mir auf dem großen Sofa sitzen will, ist mir wirklich ein Rätsel. Ich mutmaße, dass sie Elektrosmog mag. Irgendlink vermutet eher, dass sie mich mag. Auch möglich, gut und schön, doch meine Hand- sprich Mausfreiheit ist massiv eingeschränkt. Mehr als einmal versuche ich es mit netten Worten, mehr als einmal setze ich sie auf den Boden, am häufigsten jedoch schubse ich sie einfach ein bisschen weg. Nein, keine falschen Rückschlüsse bitte! Ich mag sie – ziemlich jedenfalls. Und alle Katzen und anderen Tiere dieser Welt ebenfalls. Aber wenn ich vor lauter Katze einen Maus-Arm (analog dem weltberühmten Tennis-Arm) bekomme, finde ich das weniger lustig. Lustiger ist es dafür, wenn mir – wie eben – die Maus vom Laptop herunterfällt, auf den ich sie aus Platzmangel gelegt habe, und die Katze vor Schreck für eine halbe Minute das Weite sucht.

Doch eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben.

Da stehe ich also heute Nachmittag in Irgendlinks Scheune, die in absehbarer Zeit eine glänzende Zukunft vor sich hat. Ich sehe es vor mir, irgendwann wird sie ein großer Galerieraum sein. Sie soll die Bilder und Kunststraßeninstallationen der von Irgendlink bereisten Länder sichtbar machen. Doch jetzt, heute, ist sie nichts anderes als der doppelte Boden, die zweite Ebene, der leere Raum unter dem Dach – einen Stock höher gelegen als die bereits aktive Galerie.

Latten, Dämmmaterial aus Glasfaser und Steinwolle, ein Arbeitstisch mit viel Werkzeug, Sägeböcke und ein alter Schrank stehen herum. Nichts überflüssiges mehr. Im letzten Herbst haben wir ausgemistet. Viel ist nicht geblieben. Baumaterial. Ich trage zwei weitere Rigips-Platten ins neue Haus gleich nebenan. Ins neue Haus im Haus, wie ich nenne, was hier wächst, denn von der Scheune aus, sieht das, was wir bauen, genauso aus . Unter dem zehn Meter hohen, unisolierten Dach hat J. neulich eine erste neue Wand gezogen um seinen Wohnraum zu erweitern. Wände und ein Dach, so wenig braucht es im Grunde, um ein neues Haus zu bauen. Bodenfläche mal vorausgesetzt. Vor zwei Wochen haben wir zusammen die Decke gedämmt die J. seither getäfert hat. Nun wollen wir jene Außenwand des neuen Hauses dämmen, die an die kalte Scheune grenzt.

Während der neue, unbeheizte Raum fünf Grad warm ist, hat die Scheune immer Außentemperatur, die Ritzen lassen jeden Windzug durch. In der Künstlerbude nebenan sind es mollige holzbeheizte zwanzig Grad. So wechseln wir bei der Arbeit ständig die Klimazonen. Mit schmalen Balken strukturieren wir die Wand in rigipsplatten-große Felder, um nach dem Anbringen des Dämmmaterials diese Dinger befestigen zu können. Schon bald wir es hier ein gemütliches Stilles Örtchen und eine neue Küche geben. Schritt für Schritt gehen wir diesem Ziel entgegen. Während ich die Balken ausmesse und mit der Stichsäge zusäge, wird mit wieder mal klar, dass es keinen anderen Weg gibt, als kleine Schritte zu tun, wenn ich vorankommen will. Abkürzungen gibt es keine. Gefahren viele und Geling-Garantien vergisst du eh am besten gleich. Hauptsache, du machst dich auf deinen Weg.


Ein paar Sätze nur

9. Februar 2011

Vertrauen ist gut – vernichten ist besser
(gelesen im Büro in einer Werbung für Schredder)

Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen
„Um die Normalen zu verstehen, muss man erst die Verrückten studiert haben.“
(gelesen in einer Buchbesprechung zu gleichnamigem Buch)

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Ach ja, so Sätze. Überall lauern sie und warten darauf gesehen zu werden. Kein schlechtes Blogthema: Ich lese was, was du nicht liest. Und ja, auch über meine Delete-Taste könnte ich bloggen. Über die Macht einer kaputten Delete-Taste auf ihren Menschen. Was frau erst so richtig merkt, wenn das Kunststoffteilchen fehlt, das diese Taste bis dahin behütet hatte. Bis neulich ein Buch auf den Laptop gefallen ist. Über die Wichtigkeit des Löschvorganges … Ja, darüber könnte ich bloggen. Könnte. Aber eigentlich bin ich zu müde. Muss außerdem noch packen, für morgen, fürs Pfalzweekend. Und Tagebuchschreiben will ich auch endlich mal wieder. Die Atemlosigkeit der letzten Tage – sie lässt mich nach Luft schnappen, heißt mich inne halten, heißt mich, in mich zu gehen, heißt mich Tagebuch schreiben wollen. Und heißt vor allem, mich innerlich zu entschleunigen. Rückblicken. Stillstehen. Anlauf holen fürs nächste Stück. Leben fühlt sich im Moment sehr prall, sehr schnell, sehr lebendig, sehr farbig an.

So farbig wie die letzte Viertelstunde heute kurz vor Feierabend. Kollegin A.s Gäste trudeln ein, Programmteilnehmende. Aus Afrika, aus Sri Lanka, aus Palästina sind sie gekommen. Nicht heute, früher irgendwann, mit kaum mehr als dem, was sie auf dem Leibe trugen. Da ich noch im Büro bin, begrüße ich die teils bekannten, teils unbekannten Menschen. Frage V., ob er in sechseinhalb Wochen Zeit und Lust hat, mir beim Umzug zu helfen, beim Laden. Eben aus Indien zurückgekehrt, wo er, vermutlich ein letztes Mal, seine sterbende Mutter besucht hat, ist er nun froh um jeden noch so kleinen Job, der ihm hilft, sein privates Darlehen für die Flugkosten zurückzuzahlen. Seine Frau J., über deren leuchtende Augen ich bereits an anderer Stelle gebloggt habe, freut sich, dass sie mir Ende März beim Putzen meiner Wohnung helfen und einen Batzen dazuverdienen kann. Bald werde ich ebenfalls Ausländerin sein, denke ich, als ich auf dem Rad nach Hause fahre und mich freue, dass es um halb sechs noch hell ist.

Zuhause – auf meinem Crosstrainer den übervollen Tag und den Kater vom gestrigen weinseligen Abend mit G. und S. abschüttelnd – denke ich seltsam dankbar über meine kleinen Probleme nach. Über kaputte Delete-tasten uns so Sachen.


Ali und die Tannenbäume

6. Februar 2011

Wenn ich mit dir unterwegs bin, erlebe ich ständig irgendwelche schrägen Sachen!, hatte ich neulich mal zu Irgendlink gesagt. Und kaum hatten wir heute Nachmittag das Haus verlassen, ging es auch schon wieder los.

Bereits im Treppenhaus hatte ich eine laute Stimme gehört. Woher sie kam, wurde mir allerdings erst klar, als ich das Haus verließ. Ein junger Mann telefonierte unmittelbar neben dem Fahrradabstellplatz bei unsern Rädern. Lautstark und in gebrochenem Deutsch. J. stand neben seinem Fahrrad, das er nur unter Verrenkungen hatte aufschliessen können, da der junge Typ keinen Zentimeter Platz gemacht habe, sagte er später. Nun erzählte der junge Mann seiner Gesprächspartnerin, was er für ein toller Hecht sei, wie trinkfest und gegenüber Schlägereien geradezu immun. Nein, nein, alles sei in Ordnung. Während ich mein Fahrradschloss öffnete, hielt er J. sein Handy ans Ohr. Ohne zu zögern improvisierte mein Liebster und parlierte mit der Lady am anderen Ende der Welt. Sagte, dass er ein Passant sei und dass er Ali, so hatte sich der junge Mann vorgestellt, nicht kenne. Und tschüss. Schon plauderte Ali weiter und weiter, halb ins Telefon, halb mit uns, und begleitete uns sogar bis zur Straße. Er pries J. seine Schwester an – die Frau am anderen Ende? –, die mindestens ebenso gutaussehend sei wie er. Sie suche einen gute Mann. Hier mischte ich mich doch endlich ins Männergespräch ein und klärte Ali darüber auf, dass Irgendlink doch schon eine Partnerin habe. Von ihm nur ein resigniertes Schulterzucken …

Noch immer grinsend durchquerten wir zehn Minuten später das Länggassquartier. Was ist denn das? Wandelnde Tannenbäume, die die Straße überqueren? Aber hallo, was haben wir denn heute gefrühstückt? Wir reiben uns die Augen. Tannenbäume auf Beinen? Was haben bitte sehr Tannenbäume im Februar mitten in der Stadt verloren?

Vor dem Hallerbistro nahmen sie schließlich Stellung auf, die Tannenbäume, samt Beinen und Köpfen darunter und dahinter. Mit Gitarren- und Bassgeigebegleitung wurde nun gar ein ziemlich schräges Liedlein dargeboten, das eine junge Frau hingebungsvoll dirigierte. Eine auf der gegenüberliegenden Straße aufgebaute Kamera nahm die kleine Performance auf. Samt unserm Applaus.

Lachend. Kopfschüttelnd. Grinsend … So fuhren wir weiter. Das Ziel unserer Radtour war klar: Neue Eindrücke von Bern und weitere Bilder für Irgendlinks Bern-Kunstprojekt „Die Straßen von Bern“ sammeln. Auf der Großen Schanze wer-weißten wir, ob wir heute nochmals in die Lorraine oder einfach drauflos fahren sollten. Wir beschlossen, uns laufend, bei jeder Gabelung, neu zu entscheiden. Rechts, links, mittendurch. So ließen wir uns treiben und ich entdeckte einmal mehr in meiner vertrauten Stadt unbekannte Ecken und ein noch nie begangenes Stück Aareweg. Wir blieben auf der linken Aareseite und stiegen Richtung Rossfeld auf um über die Felsenau, den Seftausteg und die Neubrügg schließlich wieder in bekanntere Gefilde, den Bremgartenwald, einzutauchen.

Ach, was haben wir für tolle Bilder gemacht! Vielleicht zeige ich demnächst ein paar …
Für heute erst einmal ein paar wandelnde Tannenbäume …

Draufklick macht das Bild groß.

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