Bye, bye November!

30. November 2009

Lieber November

Nein, ich mag dich nicht sehr, bilde dir bloß nix auf diesen Brief hier ein! Dennoch will ich dir danken.

Was ich an dir mag, ist schnell gesagt: Während deiner dreißig Tage gelingt es mir meistens, ziemlich viel zu schreiben. Novemberschreibend habe ich es dieses Jahr immerhin auf ein paar Wörterkilometer gebracht. Wären sie alle plattgewalzt, meine ich. Wie ich mit J. neulich philosophiert habe. Wären alle meine Wörter eine lange, dünne Schnur, wäre ich schreibenderweise vielleicht einmal um die Welt gereist. Und wäre die Schnur elastisch, vielleicht sogar bis zum Mond.

Unzerreißbar müssten sie sein, meine Wörterschnüre, die ich spinne. Dünner als ein Haar. Und wasserfest. Winddicht. Wetterresistent.

Doch was sind schon 10383 Wörter im Vergleich zu all den ungesagten? Zu all den ungeschriebenen? Was sind schon ein paar halbgare Geschichten? Fragmente. Bruchstücke. Eine Datei auf einer Festplatte. Irgendwo. Keine Ahnung heißt es noch immer, dieses Dokument.

Warum? Warum nicht!

Lieber November, lass dir danken! Auch wenn ich dich nicht wirklich mag, bist du irgendwie schon okay.
Bye bye!

Grüße aus Bern
Sofasophia


Quo vadis, Matrona Helvetia?

30. November 2009

Gopf. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. 57% der stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer fürchten sich vor Fremden! Denn dass es die bloße Furcht vor den Minaretten sein soll, mag ich nicht glauben.

Unsere Diskussion am heutigen Pausentisch war heftig. Jene Angst zu ergründen, waren wir bestrebt, die Menschen dazu verleitet, unsachliches, kackebraunes Gelaber zu glauben. Eine Art nationale Scham breitete sich wie ein Fleck Rotwein auf einem weißen Tischtuch in mir aus.

Kaum je zuvor hatte eine Initiative schweizweit für so viel Wirbel gesorgt. Kein Werbeplakat in der Stadt Bern war verschont geblieben, um Initiative-Befürworterinnen und –Befürwortern oder auch jenen, die gegen die Minarett-Initiative zu stimmen gedachten, eine Plattform zu bieten. Sätze wie Keine Minarette! wurden von Sätzen wie Keine Toleranz! erwidert. Zu Recht, finde ich. Denn bei der ganzen Debatte geht es in erster Linie genau darum. Okay, das vielzitierte Argument, dass in der Türkei oder in anderen islamischen Ländern ja schließlich auch keine christlichen Kirchen gebaut werden dürften, mag stimmen. Doch diese Argumentation ist doch einfach kindisch und erinnert an die Ausrede eines fünfjährigen Kindes, das beim Naschen erwischt wurde:
Ich nicht, die anderen auch! Wir müssen uns nicht an anderen orientieren. Wir sollen nicht. Wir dürfen nicht. Wir tragen Verantwortung für das, was wir tun. Als Gesellschaft ebenso wie als einzelne. Hier geht es um in der Verfassung definierte Menschenrechte. Es geht um Respekt und es geht, wie gesagt, um Toleranz.

In meiner geschäftlichen Mailbox fanden sich einige Mails von unserem Hilfswerk verbundenen Stellen, die ebenfalls wie unser Werk die Nein-Parole verbreitet hatten. Stellungsnahmen, Wie geht’s-weiter?-Memos und dergleichen mehr. Ja. Gute Frage! Eine Frage, die ich mir in diesem Kontext lieber nie gestellt hätte.

Okay, ich gebe es ja zu: Ich mag kein Kirchenglockengebimmel. Und ich mag bestimmt auch keine Muezzins, die Gebete ausrufen. Ich mag überhaupt keinen Lärm. Aber noch weniger mag ich kleinkarierte, angstschürende Argumentierende.

Angst vor Überfremdung? Ha! Hey, Leute, da hilft Segregation am allerwenigsten! Im Gegenteil, damit wird alles nur schlimmer! Da hilft nur Integration und die geht nicht ohne Bereitschaft auf beiden Seiten … Aber genau da hapert es wohl …

Gestern, fern von Bern, hatte ich Politik ganz wunderbar ausblenden können. Doch hier und jetzt, zurück in der kalten Realität, kann ich einfach nicht wegschauen. Da ist noch immer Unglaube. Echt, damit hätte ich nicht gerechnet.


Schnittstellen

27. November 2009

Ob wohl mal wieder ein Credo fällig wäre? Eine kleine Spinnerei zur Gretchenfrage und anderen weltbewegenden Themen wie dem Glück?
Also gut. Glauben tun wir ja eh alle irgendwas. Wie ich früher schon behauptet habe. Auch das Glauben an nichts, ans Nichts, heißt ja, an etwas zu glauben. Vielleicht ist die Fähigkeit zu glaube ja in den Genen angelegt und diente von alters her dem Überleben?

Bei mir geschieht glauben auf einer Ebene meiner Persönlichkeit, die sich meiner Vernunft entzieht. Und auch jener pragmatischen Stimme, die mich hin und wieder glauben machen will, dass da draußen – oder wo auch immer! – nix ist. Denn sie wird sofort übertönt, wenn es drauf ankommt. Wenn es um Leben und Tod geht, sozusagen. Wenn ich selber nicht mehr klarkomme, bitte ich sofort und ohne darüber nachzudenken, jene Instanzen – Singular oder Plural, je nach Fall –, die mehr als ich können, zu Hilfe. Irgendjemand hat bis jetzt immer geholfen. :-)

Ich stelle mir ein Ding in meinem Innenraum vor, das gleichzeitig genau gleich irgendwo außerhalb meiner Selbst existiert. Auf meinem Innending sind sämtliche Infos über mich drauf. Auf dem Außending sogar alle Infos aller anderen Lebewesen. Mein Innending tauscht sich nun also ständig mit dem universellen Außending aus. Dieses Außending –, nenn es Göttin, wenn du magst, oder Gott, von mir aus auch Google – ist so etwas wie eine universelle externe Festplatte. Vielleicht. Und da sind eben alles Wissen und alle Eigenschaften drauf, die es gibt. Alle Wörter und ihre Inhalte, alles je Gefühlte, alles je Gedachte – einfach alles, was es gibt. Alles, was ist. Alles. Als Möglichkeit. Noch komprimiert. Und wertfrei.

Wenn ich also nicht mehr alleine klar komme, stellt mein Innending Kontakt zum Außending her. Möglicherweise ist aber auch ein laufender Austausch zwischen meiner Persönlichkeit und diesem Innending in Gange. Vielleicht werde ich sogar ferngesteuert? Ohne es zu merken?

Ooops. Wertfrei habe ich gesagt? Hm. Wahrscheinlich. Da sich doch alles irgendwie über sein Gegenteil definiert. Minus fünf plus fünf gibt null. Oder so.

Scheint wahr. Oder doch nicht ganz? Weil … ich glaube nämlich ziemlich fest an Schutzengel, doch ob deren Job wirklich so wertneutral ist? Deren Job besteht doch darin, Leben zu erhalten. Und das ist doch gut. Oder nicht?

Wie auch immer … Gestern – zwischen Haguenau und Bitche – glaubte ich schon, dass mein letztes Stündchen geschlagen hat. Es war bereits fast dunkel. Landstraße. Mitten auf gut überschaubarer, leicht gebogener Strecke war ich mit neunzig Sachen unterwegs, allein auf meiner Straßenseite. Da kommen mir ein Lastwagen und drei Personenwagen entgegen. Der zweithinterste Fahrer (bestimmt ein Mann!) will die beiden vor ihm fahrenden Fahrzeuge überholen und ist deswegen ausgeschert. Auf meine Seite. Wir beide reagieren blitzschnell.
Wozu gibt es Bremsen?, denke ich. Mit einem ‚Danke, Schutzengel!‘ auf den Lippen und laut klopfendem Herz fahre ich weiter durch die Dunkelheit. Nein, sterben möchte ich wirklich noch nicht. Dazu ist es noch zu früh, glaube ich.

Jetzt bin ich auf dem Berg. Zum Glück. Regen prasselt auf die Scheibe des Dachfensters über uns. Herbstwinde zupfen an den letzten Blättern an den Bäumen. Ich liege wach. Halb vier ist es, oder so. Bin zu glücklich, um schlafen zu können. Schlafen kann ich ja immer noch, wenn ich wieder zuhause bin. Ich liege wach und suche die Schnittstelle zwischen Realität und Illusion. Beide eins? Beide eingebildet? Beide real? Ebenso wie Schönheit und Hässlichkeit eins sind. Meine Dienstagmorgen-auf-dem-Arbeitsweg-Erkenntnis fällt mir wieder ein.
Es gibt keine schlimmen Tage, es gibt kein schlechtes Wetter!, lautet sie. Selbst wenn der Himmel verhangen ist und die Luftfeuchtigkeit knapp unter hundert, ist jeder Tag schön. Oder besser: Nichts. Er ist einfach. Wie sagt doch mein Patensohn immer?
Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falschen Kleider!

Alles ist immer das, was wir daraus machen. Punkt. Ausrufezeichen.

Und genau hier – alle herhören! – genau hier ist der Schlüssel, das Geheimnis vom Glück verborgen! Glück ist aus dem gleichen Material gewoben wie das Unglück.

Ich drehe mich auf die andere Seite, schmiege mich an seinen Rücken und bin, glaube ich, irgendwie einfach glücklich. Oder so.


nebendran

27. November 2009

Ich glaube, sie
lauern hinter den
Augenlidern,
die Ideen. Im Dunklen.
Hinter geschlossenen
Augen. Oder zumindest in
der Stille. Sitzen gleich neben
dem Glück. Ein kleines
Stück daneben. Sind
flüchtig wie
Gas. Don‘t touch.


Mein Sternchen und ich …

25. November 2009

Es ist wieder da, mein Sternchen! Jiippie! Gaaanz lange war es nun beim Arzt. An der Prüfung Anfang November erhielten wir die Diagnose: Mit seiner linken Hinterradbremsung (oder war es die rechte?) sei was nicht in Ordnung. Und dass ein Marder sich an einer Gummiumantelung im Motorraum gelabt habe. Und dass wir deshalb diese zwei Dinge nochmals prüfen müssten.

Mein lieber Nachbar, seines Zeichens Garagist meines Vertrauens, hat sich einmal mehr meines bald vergoldeten Sternchens angenommen. Hat da ein Ersatzteil organisiert, hier was geflickt, dort was ins Lot gebracht und heute, nach bangen Tagen des Wartens – tjaja, mein Sternchen ist eben nicht mehr die Jüngste! – der erlösende Anruf: Prüfung bestanden.

Am liebsten hätte ich alle meine Bürokolleginnen, und sogar meinen Scheff, vor lauter Freude umarmt. Oder zumindest meinen Garagisten, der mir preislich, wie er sagte, ein bisschen entgegen kommen werde. Schokolade solle ich ihm schenken, schlug mein Boss vor. Schokolade mögen alle.

Werde ich morgen früh organisieren. Bin ja so was von froh, dass mein Sternchen noch ein wenig weiter strahlen wird. Und mich morgen in den Norden begleitet. Diesmal hoffentlich ohne Stau in Strasbourg! Jawohl …

Hach, wie ich mich auf die Fahrt freue!
Und erst auf das Ziel! Und auf die gemeinsame Zeit … :-)


in der zweiten Reihe

24. November 2009

Jippie, ich habe frei!

Ich muss heute Nachmittag nichts tun, gar nichts!

versus

Ich muss heute Nachmittag Nichtstun!

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Dauert das denn noch ewig?

Hey, du, wie lange noch?

Sag doch was!

Hallo! Hallooo! Noch da?

Aber ja doch! Siehst du denn nicht, dass ich am Pause machen bin? Wann endlich begreifst du, dass Ruhe notwendig ist?

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Gespräche mit Xenö sind ziemlich anstrengend. Er ist so verdammt ehrgeizig, finde ich.

Bin ich denn wirklich noch nicht lange genug in der ersten Reihe gestanden? Was übrigens nicht immer ein Zuckerlecken ist! Sich exponieren, Verantwortung tragen, den Karren ziehen, Entscheidungen treffen, strengt an. Alle wollen immer aufwärts, alle reden von Wachstum und Entwicklung, von Karriere und Erfolg. Ich halte mir derweilen die Hand vor den Mund, damit die anderen nicht sehen, wie ich gähne.
Wie anstrengend ein Leben im ständigen Komparativ doch ist!

Wie gerne würde ich mich frühpensionieren lassen. Nur noch tun und vor allem lassen, was ich will. Genießen. Kreieren. Und falls das nicht geht, dann lasst mir doch wenigstens meinen Platz in der zweiten Reihe! Da ist es weniger anstrengend.

Wenn dies Altwerden ist, ist es wohl voll okay, alt zu werden. Ich glaub, ich mach ein Nickerchen!


der Leseabend

23. November 2009

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein gemütliches Sofa, daneben eine Leselampe. Auf dem Sofa ich. Lesend. Ganz offensichtlich darauf aus, den Abend genüsslich und vor allem ungestört zu verbringen.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Stammlesende erinnern sich? Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist auch das nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall): Was willst du diesmal?

XeNö: Och. Nur mal wieder ein paar Fragen stellen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich keine. Heute jedenfalls nicht.

XeNö: Ach, nun tu nicht gleich so zickig!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung): Ich bin zickig, wann ich will. Außerdem ist das bloß deine Definition!

XeNö: Okay. Dann frag ich anders: Du bist doch ziemlich gebildet?

Ich (weiß nicht, ob es eine rein rhetorische Frage war und ob ich mich geschmeichelt fühlen soll): …

XeNö: Warum also arbeitest du sowas?

Ich (runzle die Stirn): So was?

XeNö: Na, so was eben … unter deinem Niveau!

Ich: Sag mal, spinnst du, oder was? Erstens geht es dich einen feuchten Dreck an, was ich arbeite, zweitens empfinde ich deine Definition von Niveau arrogant und drittens …

XeNö: … langsam, langsam!

Ich:

XeNö: Ich meine ja nur … du hast doch alle möglichen Ausbildungen und Kompetenzen! Hast heilerisch und therapeutisch, sozial- und heilpädagogisch gearbeitet. Und unterrichtet. Außerdem kannst du massieren. Und jetzt? Sitzest du in einem Büro fest!

Ich: Und?

XeNö: Jetzt verbringst du deine Zeit mit Protokollen, Kreditoren und Buchhaltung, mit Computerproblemen und Öffentlichkeitsarbeit. Nimmst das Telefon ab, das du nicht magst, und holst tagtäglich deinen Mitarbeitenden irgendwelche Kartoffeln aus der Glut. Verbrennst dir die Finger dabei …

Ich: Hm.

XeNö (leise, kaum hörbar): Warum?

Ich (seufze): Vermutlich habe ich die Illusion verloren, ich könne die ganze Welt retten. Womöglich auch einfach deshalb, weil ich nicht mehr glaube, wirklich zu wissen, wie die Welt richtig zu sein hat. Und weil ich sie nicht dorthin schieben muss. Vielleicht bin ich resigniert? Oder vielleicht vertraue ich dem Leben einfach mehr? Dass sich Dinge auch ohne mich lösen, zum Beispiel.

XeNö: Und darum machst du einen Job wie diesen? Wo du mit dem Leid der ganzen Welt konfrontiert bist? Ist das nicht irgendwie hirnrissig?

Ich: Nicht hirnrissiger als ein anderer Job. Er ist nicht besser und nicht schlechter als jeder andere. So what? Außerdem macht dieser Job meistens Spaß. Und mein Team ist echt toll. Ich mag die Leute. Da zählen menschliche Werte. Das zählt!

XeNö: Wenn du meinst?

Ich: Ja, ich meine! Dazu habe ich – zumindest theoretisch – genug Freizeit für alle jene Dinge, die ich auch noch gerne mache. Schreiben zum Beispiel. Oder lesen.

XeNö: Und das genügt dir?

Ich: Ja. Das genügt mir. Jetzt.

XeNö: Okay, dann lasse ich dich weiterlesen. Schönen Abend noch. (Verschwindet vorne rechts und winkt mir zu) … und auf Wiedersehen!

Ich (lasse mich in die Kissen meines Sofas fallen): War das jetzt alles echt?

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

In eigener Sache und ganz in echt: Ich habe eben beschlossen, den Wochenmitter-Lyrik- und Literatur-Zyklus hiermit ganz formlos zu beenden. Einfach so.


geliebter Feind

22. November 2009

Anklopfen tat es nie. Jedenfalls nie so, dass sie es hörte. Vielleicht, weil sie hoffte, sich verhört zu haben. Oder dass, wenn sie nicht öffnete, es wieder ging. Von alleine. Das wäre ja zu schön, hatte aber bisher noch nie funktioniert. Auf Ignoranz reagierte es schlicht und einfach nie, es ignorierte sie und verschaffte sich leise Einlass. Wie ein Einbrecher.

Wie es bei ihr vorgehen musste, wusste es nach all den vielen Jahren ihrer ambivalenten Beziehung genau. Es kannte ihre Achillesferse. Es kannte die Fragen, die es stellen musste, um ihr den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Um die Wollmäuse darunter ans Licht zu bringen. Und um ihr all die kleinen und großen Milben, die sie unabsichtlich beherbergt, zu zeigen. Es kannte sie wohl besser als alle anderen. Vielleicht gar besser als sie selber. Nicht ohne Grund war es schließlich zu ihrem Persönlichen Monster ernannt worden.

Es hatte sogar einen Namen. Dark Mirror. Kurz Dark. Zugegeben, in der letzten Zeit war es fast ein bisschen langweilig mit ihr und in ihrem Leben geworden. Will heißen, sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht und kümmerte sich schon ganz gut um sich selber. Doch jetzt war es offenbar wieder einmal soweit. In der letzten Zeit war sie schneller als ein TGV durchs Leben gerast. Da ein ‘Ja, klar, mach ich doch gerne für dich!’, dort ein zusätzlicher Job. Dazu dauernd mit Freundinnen und Freunden unterwegs. Kaum je eine freie Minute bloß für sich selber. Die gute alte Tante Unentbehrlichkeit hatte Dark deshalb wachgerüttelt.
Hey, du, dein Typ ist gefragt, hatte sie ihm zugeraunt. Sie tut ES wieder!

Dark hatte sich gestreckt und gereckt, ein bisschen mit dem stachligen Schwanz den Boden abgeklopft und sich auf die Brust getrommelt. Angeklopft hatte es nicht. Was auch nicht nötig war, denn bei ihr stand mal wieder alles offen.
Wann wird sie es wohl lernen?, fragte es sich. Wann lernt sie endlich sich zu schützen? Und dass sie zuallererst gut zu sich selber schauen soll? Dass sie den anderen nur wirklich helfen kann, wenn es ihr selber gut geht?

Nichts Böses ahnend reihte sie indessen Tag an Tag. Ging zur Arbeit. Traf sich mit Freundinnen und Freunden. Konsumierte, was es zu konsumieren gab. Erfüllte da einen Job, erbrachte dort einen Freundschaftsdienst. Wie gut sich das Leben zurzeit anfühlte! Alles lief rund. Wenn sie nur nicht ständig so müde gewesen wäre. Am liebsten hätte sie sich hin und wieder einfach zurückgezogen! Hätte gern da und dort einfach mal nein gesagt: Nein, such jemanden andern. Ich mag nicht. Doch das konnte sich doch nicht tun! Die anderen brauchten sie doch!

Ha! Hier schoss Dark seinen ersten Pfeil ab und traf mitten in die linke Ferse. Die anderen brauchen dich doch überhaupt nicht!, gab es zu Bedenken. Das bildest du dir nur ein. Die anderen schaffen es auch ohne dich! Sie schluckte schwer.
Oh. Vielleicht ist ja, was ich tue, gar nicht so wichtig!
Genau!, bestätigte Dark.
Was tue ich denn hier überhaupt, wenn das, was ich tue, nicht wichtig ist?, seufzte sie.

Dark nahm ihre kleine Seele bei der Hand und führte sie zu den offenen Löchern. Die Deckel hatte es in weiser Voraussicht bereits zuvor weggeschoben. Schwarz, dunkel und glanzlos war, was sie sah und es blubberte aus der Tiefe und dampfte ein bisschen. Obwohl sie nicht wirklich etwas sah, denn alles war so dunkel als hätte sie die Augen geschlossen. Im Mittelpunkt ihrer selbst angelangt, konnte sie nur riechen und fühlen. Und sie spürte die warme Luft. Schlangen gleich wanden sich schwarze Dinger in ihre Richtung. Sie nahm deren Bewegung in der Luft wahr. Hände wuchsen aus den Dingern hervor und packten ihr Herz. Drückten ein wenig zu. Und dann noch ein bisschen mehr. Sie japste nach Luft. Der Schmerz ließ ihre Augen überlaufen. In ihr drin jagten sich Bilder. Sequenzen aus ihrem Leben. Sequenzen, wo sie am Boden gelegen hatte. Wo sie kaum mehr die Kraft gehabt hatte, sich aufzurappeln. Lauter solche lauten Bilder, eins nach dem anderen, immer schneller. Tränen tropften in die offenen Löcher. Die Tentakel zogen sie mit sich in die Tiefe. Sie gab sich dem Strudel hin, in den sie geraten war. Eine Wahl hatte sie nicht.

Wieder ganz unten!, dachte sie, am Grund angelangt. Nein, denken ging nicht mehr. Fühlen war alles. Alles nur noch fühlen. Sie konnte nur warten, bis es vorüber war. Immerhin das wusste sie noch von ihren früheren Besuchen am dunklen See. Hinterher konnte sie sich jeweils kaum mehr an Details erinnern. Zumal die für ihre reale Umgebung sichtbare Person da oben wie immer funktionierte und niemand sie zu vermissen schien.

Ganz allmählich und außerhalb der Zeit wurde sie ganz ruhig. Wie lange sie sich diese Ruhe nicht mehr gegönnt hatte! Wie gut es tat, bei sich zu sein. Diese herrliche Langsamkeit. Dieses Stille. Der Druck der klammernden Hände hatte nachgelassen. Es tat nicht mehr weh. Das Atem ging wieder leichter. Endlich stieß sie sich am Grund ab und stieg an die Oberfläche.

Ich bin noch immer da!, sagte sie, als sie den ersten Atemzug tat. Leise noch. Um meinetwillen bin ich da. Das ist wichtig genug. Das reicht!, sagte sie. Ich mag mich! Nun klang ihre Stimme bereits ein bisschen kräftiger. Und ich will hinfort gut zu mir schauen! Sie jubelte. Ihr Herz tat einen kleinen Sprung und richtete sich in seinem Nest neu aus.
Na, endlich!, sagte Dark, das auf sie gewartet hatte. Komm.
Es griff nach ihrer Hand und führte sie nach Hause.


ein bisschen anders

21. November 2009

Eine Stofftasche mit etwa zehn Äpfeln darin. Ihr gemeinsamer Duft erfüllte meine ganze Küche. Nein, keine Früchte aus dem Supermarkt, eigenhändig Selbstgepflückte waren das. Mir lief beim Anblick der rotbackigen Köstlichkeiten das Wasser im Mund zusammen. Gebündelte Sommersonne, verdichtet auf wenig Raum, ließ meine Küche buchstäblich leuchten. Was für wunderbare, kleine Kraftwerke, die mir die nächsten Tage als Pausenschmaus dienen würden!

Jeder sah anders aus. Große und kleine lagen nahe beieinander. Verschiedene Sorten friedlich vereint. Ich packte sie aus und legte sie auf einen Teller. Einer fiel mir ganz besonders auf. Er hätte es bestimmt nicht in die Auslagen des Supermarktes geschafft, so unförmig wie er war. Eingedellt auf der einen Seite. Zu viele Sommersprossen, zu viele Schrunden bedecken seine Haut. Ich legte ihn auf einen anderen, einen kleinen Teller. Ihn würde ich mir bis zum Schluss aufheben.

Schon immer haben mich Menschen und Dinge berührt, die anders aussehen, die anders sind. Die die klassischen Normen verspotten. Denen es egal ist, was andere denken. Die mutig zu ihrem inneren oder äußeren Anderssein stehen. Wie dieser Apfel hier. Wann immer ich ihn ansah, schien er zu lächeln. Strahlend machte er mir Mut. Mut, mein Sosein, mein Anderssein zu bejahen. Dieses Anderssein, das letztlich uns alle von einander unterscheidet. Alle. So ähnlich wir uns scheinbar sind, so anders sind wir doch. Und dieser Apfel mit seinen Narben, na ja, er war eben ein wenig wie ich. Geschmeckt hat er übrigens wunderbar. Vielleicht sogar ein bisschen besser als alle anderen.

„C’est simple. Man braucht nur zu träumen, immer weiter, in die Welt der Träume einzutauchen und sie nicht mehr zu verlassen. Dann kann man bis in alle Ewigkeit dort leben. (…) Dort existieren von Anfang an keine Grenzen. (…) Aber in der Realität ist das anderes. Die Realität schmerzt. Realität. Realität.“(S. 145)

„Dennoch werde ich nie wieder so sein wie vorher. Von morgen an werde ich ein anderer Mensch sein. (…) Warum müssen die Menschen so einsam sein? Wozu soll das gut sein? Stets sind wir auf der Suche nach der Nähe der andern, und dennoch sind wir so allein. Wozu? Dreht sich dieser Planet nur, um die Einsamkeit des Menschen zu nähren? (…) Als einsame, metallene Seelen in der schrankenlosen Dunkelheit des Weltalls begegnen sie sich, schießen aneinander vorbei und bleiben für alle Ewigkeit getrennt. Zwischen ihnen gibt es keine Worten und keine Versprechen.“ (S. 191/192)

zitiert aus:  Haruki Murakami, Sputnik Sweetheart, btb 2004


winterhart?

20. November 2009

Taubnesseltee getrunken
am Morgen, der Mittag war,
Bitterkeit gedacht dabei Tränen
weggewischt, erfolgreich. Gedanken
weggewischt, erfolglos.
Gedanken wie diesen: Was
mach ich hier? Überhaupt.
Life Is Just A Big Wheel.
Geschrieben und Musik getrunken.
Bitter. Süß.
Wozu?,
gedacht und
mit J. telefoniert,
mittendrin
gespürt, dass es andere
Sichten
gäbe.
Gäbe. Spam
in der Mailbox.
Bierflaschenberge
entsorgt und eingekauft. Neues
Zeug, das gegessen werden wird, im Kreis
gehen, immer? Jetzt?
Auf der Spirale gehen.
Immer weiter, egal wohin.
Novemberblues. Auf dem Balkon die
verdorrten Sommerblumen
geschnitten und die
Rose gefragt,
wie sie überwintern will
Und ob. Oder sterben als
Option. Bin ich
winterhart? Mein
Leben? Meine Liebe? Mich
stechen lassen von ihr, der Rose. Das
Blut ablecken und ihre dürren Blätter
einsammeln. Kompost.
Im Kreis
denken. Endlos tief
seufzen.


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